W. K., München

In München nennen sich vier junge Künstler „Gruppe SPUR“. Sie geben an, Situationisten zu sein. Was damit gemeint ist, haben sie erläutert. Verständlicher wurde es dadurch nicht.

Nebelhaft wie ihre Vorstellungen von künstlerischer Arbeit sind auch ihre Ideen vom Leben in unserer Gesellschaftsordnung. Was andere schon herausgefunden haben, entdeckten sie in komplizierter Form wieder: Das rationale und irrationale Gesellschaftssystem habe sich „in die pseudohafte Geschlossenheit von ideologischen Weltbildern atomisiert“, deren einziger Stolz sei, „gegenüber allen Interdependenzen blind zu sein“. Und durch diese Krise, in die zunächst die religiösen Werte, dann die der Vernunft und der Zivilisation geraten seien, wachse der berechtigte Anspruch der Kunst, aus sich selbst heraus ein soziales Feld, „das sich offen gegenüber den Erschütterungen der gesellschaftlichen Gesamtstruktur verhält, zu formulieren in bezug auf die experimentelle Neugestaltung einer Welt als Überwindung der existierenden, die ihr Versagen hinreichend bewiesen hat“.

Also wollen sie Weltverbesserer sein? Das hieße die vier Wirrköpfe zu hoch werten. In München pflegt der Volksmund solcher Art Geistesbedrängte schlicht und einfach „Spinner“ zu nennen. Es fällt schwer, sie so ernst zu nehmen, wie sie es selber tun: Mehr als eine SPUR Künstlertum haftet ihnen nicht an.

Kürzlich aber nahm man sie ernst. Man stellte sie vor Gericht. Wegen Herstellung und Verbreitung pornographischer Schriften. In einer Auflage von 1500 Stück verteilten und verkauften sie in Schwabinger Lokalen ihr Mitteilungsblatt, das den Namen ihrer Gruppe trug.

Nur soviel mag aus der SPUR-Zeitschrift zitiert werden: Unter dem Titel „Der Kardinal, der Film und die Orgie“ forderte der Hauptangeklagte Dieter Kunzelmann in wirren Sätzen orgiastische Feste und ekstatische Spiele in den Kirchen. In einem anderen Bericht bezeichnete Kunzelmann Christi Blut, das seinen Anzug beschmutze, als „agfa coloresk“. Dagegen begeisterte ihn die „Abtreibung der Jungfrau Maria“: „Wer einen Mythos braucht, erhält spesenfrei und zur Nachnahme seine Mutter Gottes ins Haus geliefert, damit er sich im göttlichen Beischlaf befriedige.“

Als die Staatsanwaltschaft das Blättchen beschlagnahmte, konterte die Gruppe mit einem Flugblatt, in dem sie die „herausfordernde Frechheit“ der Anklagebehörde kritisierte. Und dann ging die Gruppe ins „Exil“ nach Dänemark. Von dort aus verbreitete sie ein neues Pamphlet: „SPUR im Exil“. Sie verschickten nunmehr ihre Geistesprodukte an Interessenten in Frankreich, Israel, Guinea, Kanada, Holland und Belgien. Dem Münchner Gericht schrieben sie eine „Antwort“ auf die mittlerweile fertiggestellte Anklageschrift.