H. J. L., Düsseldorf

Ein Musikkorps der Bundeswehr schmetterte Hymne und Triumphmarsch aus „Aida“. Ministerpräsident Dr. Meyers schritt zum Grundstein. Dann las ein Primaner den Text der Geburtsurkunde für jene Brücke, auf die sie am Niederrhein zwischen Wesel und Arnheim seit sechzig Jahren warten: „Die Brücke vom Emmericher zum Klever Ufer wird mit einer Spannweite von über 500 Metern und einer Gesamtlänge von 1187 Metern zur Zeit ihrer Vollendung die größte Hängebrücke Europas sein“

500 Ehrengäste hörten andächtig zu. Nur ein Fachmann aus der Baumannschaft bemerkte pietätlos: „Nun wird es eine Lügenbrücke...“ Den trotz der künftigen Konkurrenz vom Niederrhein wird der Seine-Übergang bei Rouen so lange Europas größte Hängebrücke bleiben, bis die Portugiesen eine noch größere bei Lissabon gebaut haben.

Doch es war junger Mai, und es war acht Wochen vor der Landtagswahl. Mögen die Franzosen und Portugiesen längere Brücken haben – ein solch prächtiges Schauspiel wie in Emmerich bringen sie wohl kaum zustande.

Daß auch alles präzise ablief, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, dafür sorgte der Emmericher Vermessungsrat Ufert. Einst war er im Generalstab aktiv. Nun bewährte er sich als umsichtiger Stratege des Grundsteinfestes. Einen siebenseitigen Schlachtplan hatte er ausgearbeitet. Unter Ziffer VIII, Absatz a, Punkt 4 hieß es da: „9.30 Uhr. Sperrung des Sportplatzes 09 für die Landung des Hubschraubers mit dem Herrn Ministerpräsidenten und Bürgermeister Pieper. Es ist hierbei Sorge zu tragen, daß der Sportplatz dadurch keinen Schaden erleidet...“

Und für 12.30 Uhr vermerkte der Feststratege: „Den Ehrengästen soll nach Kräftigung durch die Erbsensuppe Gelegenheit zu Ansprachen gegeben werden.“

Ohne Truppenunterstützung hätte indes auch der Ex-Generalstäbler die Forderungen nach Glanz und Gloria nicht erfüllen können. Aber auf die Bundeswehr war Verlaß. Sie stellte nicht nur den Hubschrauber für den Landesherrn und die beiden Düsenjäger, die beim Zeremoniell über den Brückenstein donnerten, sie sorgte auch für Pauken und Trompeten sowie für die Gulaschkanone, in der die Erbsensuppe zur „Kräftigung“ der Ehrengäste gekocht wurde. Für die Sturmtrupps der Photo- und Fernsehreporter gingen sogar drei nagelneue Landungsboote der Pioniere in Festeinsatz. Denn wie es sich für einen richtigen Brückenkopf gehört, wurde auch der von Emmerich – wenn es auch nur der erste Stein eines 41,5-Millionen-Projektes war – vom Fluß her im Flottenverband angesteuert. Und das größte unter 50 reich bewimpelten Schiffen mit geladenen Gästen stellte freiwillig und gratis jener Mann, den die neue Brücke in drei Jahren arbeitslos machen wird – der Fährunternehmer.