Die private Investition im Ausland kommt nicht recht vom Fleck

Von Hermann Riedle

Kürzlich veranstaltete in Düsseldorf die Deutsche Gesellschaft für Betriebswirtschaft eine Tagung, an der Probleme der Entwicklungshilfe zur Sprache kamen. Hauptredner war Minister Scheel der in einem weitgespannten Vortrag seine Ansichten über eine fruchtbare Entwicklungshilfe vorbrachte. Minister Scheel zeigte sich überrascht von der Kritik, die in der Öffentlichkeit an der Auslandhilfe heute geübt wird. Nach einer Welle der Begeisterung sei man jetzt vermutlich in eine Phase der Gleichgültigkeit geraten, da man alles bemängele, was vom Staat und von den Organisationen in dieser Sache getan werde. Wir glauben nicht, daß Minister Scheel den richtigen Grund für die verfahrene Situation genannt hat. Wirtschaftspraktiker und einige Theoretiker haben sich unter dem Begriff „Entwicklungshilfe“ gewissermaßen ein Phantom, ein Hirngespinst gebaut und versuchen nun alle Unklarheit in ökonomischen und politischen Dingen hier „unterzubringen“. Etwas hart und vereinfacht ausgedrückt: Alle sprechen von Entwicklungshilfe, und niemand weiß eigentlich ganz genau, was sie ist und wozu sie dienen kann.

Private Entwicklungshilfe, so wollen wir knapp formulieren, liegt dann vor, wenn private Unternehmer oder Gesellschaften aus industriellen Gebieten sich in sogenannten Entwicklungsländern zu einer wirtschaftlichen Tätigkeit entschließen. Sie tun das auf eigenes Risiko und eigene Verantwortung. hin. So betrachtet, ist Entwicklungshilfe eine altbekannte Erscheinung. Sie spielte sich früher allerdings unter dem Odium kolonialer Herrschaft ab. An einer echten Förderung der noch nicht entwickelten Staaten war man damals nicht in dem gleichen Ausmaße interessiert wie heute. Wir wollen zugeben, daß eine einseitige kommerzielle Betrachtungsweise das Verhältnis zwischen ausländischer Gesellschaft und Entwicklungsgebiet oftmals trübte. Die Erfahrungen unserer Zeit und die Selbständigwerdung dieser ehemaligen Kolonien wandelten aber die Einstellung der geschäftlichen Welt in den industrialisierten Ländern stark. Man empfindet heute viel Sympathie und echtes partnerschaftliches Gefühl für die neuen Staaten und ihre Völker und möchte einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung in diesen Ländern verwirklichen helfen. Nach wie vor bleibt aber das Gewinnstreben bei allen kaufmännischen Unternehmungen – das heißt, wenn immer die private Hand aktiv wird – eigentlicher Antrieb. Das mindert übrigens den Wert und die Funktion von privaten Investitionen in Entwicklungsgebieten nicht.

Wie kommt es eigentlich zu privaten Kapitalanlagen in unterentwickelten Gebieten? Eine private Unternehmung oder eine Gruppe von Gesellschaften überlegt sich ein Anlageprojekt und studiert dessen finanzielle und kaufmännische Aspekte. Man prüft die Marktlage, den notwendigen Kapitalaufwand, die Produktions- und Transportverhältnisse in dem Staate, in dem man sich niederzulassen gedenkt. Rechtfertigen diese Untersuchungen einen Einsatz des eigenen Kapitals, so kann man das Projekt in Angriff nehmen. Das Risiko, das man einzugehen wagt, ist kommerziell abschätzbar.

Daneben gibt es bei jedem Auslandsprojekt aber noch ein politisches Risiko. Denn wer immer mit seinem Geld in die Fremde geht, muß eine gewisse Gefahr in Kauf nehmen; und zwar schon bei einem Sprung von einem entwickelten Lande zum anderen. Die Verhältnisse bei den neuen Staaten liegen nun allerdings noch etwas schwieriger. Diese Länder befinden sich im Stadium des Aufbruchs; ihre Regierungen sind meist noch unstabil und oft sind auch die wirtschaftlichen Grundlagen so dürftig und schwankend, daß durchaus nicht mit einer reibungslosen politischen Entwicklung gerechnet werden kann; leider kann unter solchen Umständen auch das wirtschaftliche Wachstum nicht ungestört verlaufen.

Das politische Risiko des Kaufmanns hat zur Zeit der kolonialen Herrschaft die „Schutzmacht“, der eigene Staat getragen, da er in der Entwicklungsregion ja ein Hoheitsrecht ausübte. Diese Möglichkeit ist heute den westlichen Ländern verbaut (die Kolonien sind inzwischen souverän geworden), und der ausländische Anleger ist ganz der Jurisdiktion und den politischen Intentionen der fremden Regierung ausgesetzt. Sind nun diese Verhältnisse eher unerfreulich, dann kann ein privates Anlageprojekt beinahe nicht verantwortet werden. Sollen aber trotzdem private Kapitalien in diese politisch unstabile Gegend wandern, so muß jemand dieses Risiko zu übernehmen gewillt sein. Und hier nun ist der Punkt, wo die Illusion privater Entwicklungshilfe anfängt.