Es ist noch immer möglich, England den Beitritt unmöglich zu machen

Von Martin Wieland

London, Anfang Mai

Wenn die EWG-Mächte uns haben wollen, müssen sie es uns leichtmachen sagte der englische Premier kürzlich bei seinem Besuch in Kanada. Und diese Erklärung war keinesfalls nur eines der verständlichen und üblichen Verhandlungsmanöver, um die europäischen Partner den englischen Forderungen geneigter zu machen. Noch ist tatsächlich das letzte Wort über Großbritanniens Beitritt nicht gesprochen. Die Auseinandersetzung über das Für und Wider hat sich in den letzten Tagen verschärft; die Fronten gehen quer durch die englischen Parteien.

Bis vor kurzem schien es, als ob Macmillan mit seiner EWG-Politik auf jeden Fall gut abschneiden müsse: Im Fall des Beitritts könnte er sagen, Großbritannien verdanke seiner Regierung die segensreichste Entscheidung dieses Jahrhunderts; und im Fall des Scheiterns der Verhandlungen könnte er den britischen Wähler als treuer Verteidiger der Commonwealth-Interessen und der britischen Landwirtschaft beeindrucken, der allen Verlockungen der EWG standgehalten habe. Daß er die Labourpartei in eine sehr erste Klemme hineinmanövriert hat, stimmt noch immer. Die Labourführung wurde einfach von Macmillans Politik überrascht. Sie hatte es nicht recht für möglich gehalten, daß gerade die Konservativen sich auf eine so ernste Liebschaft mit der EWG einlassen würden – auf die Gefahr der Scheidung vom Commonwealth (falls nicht irgendwie politische Polygamie durchgesetzt werden könnte).

Es stimmt aber heute schon viel weniger, daß die Konservativen auf jeden Fall noch aus einem Scheitern der Verhandlungen Kapital schlagen können. Jedes weitere konservative Nachwahldebakel (wie zuletzt in Derby-North) steigert für sie die parteipolitische Wichtigkeit des Beitritts zur EWG. Aus den nächsten allgemeinen Wahlen können sie vermutlich nur dann wieder siegreich hervorgehen, wenn die Wähler überzeugt werden, daß die Konservativen nach elf Jahren an der Macht nicht verbraucht sind und immer noch Phantasie und Wagemut besitzen. Nach Großbritanniens Beitritt zur EWG wird niemand am konservativen Wagemut zweifeln können; und der britische Wähler in seiner Fairneß wird die verantwortliche Partei nicht gerade dann aus dem Sattel heben, wenn erprobt werden muß, ob diese Entscheidung auch weise war.

Lies schneller, Minister!