Von Walter Gong

„Wenn gewisse Komplikationen auftreten, wird auch einmal ein Unschuldiger getroffen.“

Bundeskanzler Adenauer zur Abberufung Grewes

Bonn, im Mai

Man kennt das melancholische Bild eines Zuges der, noch immer Dampf ausstoßend und mit einem tatenfrohen Knirschen im rollbereiten Getriebe, vor einem „Halt“-Zeichen steht: Die Passagiere stecken die Köpfe aus dem Fenster, der Zugführer zuckt bedauernd die Achseln, es geht nicht weiter.

Und wenn’s dann gar ein totes Gleis ist, auf dem es gar nicht weiter geht? Für einen Diplomaten braucht es (im Gegensatz zu einem Zug) kein Ende zu sein – nur eine Umleitung auf ein anderes Gleis, unangenehm, aber nicht fatal. Das Ende einer Strecke, nicht das Ende einer Karriere. Der diplomatische Dienst ist nicht eingleisig, es werden viele Weichen gestellt und manche Züge angehalten.

Daß in der deutschen Außenpolitik zur Zeit zumindest zwei Weichensteller beschäftigt sind – im AA und in der Fraktionsführung der CDU –, ist Bonner Tagesgespräch. Aber nicht dieser merkwürdigen Konstellation Schröder–Brentano ist die Tatsache zuzuschreiben, daß Botschafter Grewe bald auf seinem Posten in Washington „ausgedient“ haben wird. Der Botschafter, der im Zeichen einer besonderen Ära auf einen überaus diffizilen Platz berufen wurde, ist nun, da diese Ära zu Ende ging, „nicht mehr am Platze“.