Von Herbert Ihering

Wer Fritz Kortner in seiner Jugend in Berlin und Wien als Schauspieler gekannt hat und ihn jetzt am Berliner Schillertheater als Inszenator des Dramas „Andorra“ von Max Frisch wieder erlebt hat, übersieht mehr als die persönliche Entwicklung eines großen Künstlers. In Fritz Kortner findet die Schauspielkunst der letzten fünfzig Jahre ihren Ausdruck, eine Schauspielkunst, die zugleich – Regie war. Als ich im Ersten Weltkriege Dramaturg und Regisseur an der Wiener Volksbühne wurde, konnte ich mit Kortner und Agnes Straub zusammen arbeiten. Es war das Ereignis meiner Jugend.

Ich hatte schon in Berlin Kritiken geschrieben. Ein neuer Sinn aber öffnete sich mir, als ich sah, wie Kortner arbeitete. Immer ging er von der Sprache aus, niemals im rhetorischen oder unkörperlichen Sinne. Im Gegenteil: das Wort wurde Körper. Das Gehör, das seine Rolle formte, hörte die anderen Rollen und beeinflußte die Partner. Niemals spielte Kortner eine Gestalt, ohne zugleich das ganze Stück zu hören und zu sehen.

Für mich war es ein Erlebnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, besonders in der „Macht der Finsternis“ von Tolstoj, als er neben der Anissja (der Straub) den Nikita, und in „Herodes und Mariamne“, als er neben der Straub den Herodes spielte.

Der Wiener Kortner hatte schon vorher in Mannheim und bei Reinhardt in Berlin gespielt, ging 1918 zu Erich Ziegel an die Kammerspiele in Hamburg, um kurz darauf seine große Zeit in Berlin zu beginnen. Immer war er mit den bewegenden, mit den vorstoßenden Kräften des Theaters verbunden. In der Uraufführung von Ernst Tollers „Wandlung“ an der Tribüne gab er unter Karlheinz Martins Regie die Hauptrolle. Kortner spielte mehr die Empörung als die Wandlung, diese aber mit durchrüttelnder Kraft.

Ja, hier im Beginn seines Aufstiegs konnte man sofort das Wesen seiner Kunst erkennen. Kortner braucht die Rolle, die sich vom Dichter losgelöst und in der Fabel des Dramas selbständige Existenz erhalten hat. Der Held der „Wandlung“ aber ist Toller selbst, ein Schicksal, ein Mensch, den wir nie vergessen wollen. Es bleibt entscheidend, daß Kortner auch diese Rolle gespielt hat, weil sie sofort Aufschluß gab über die Situation der Schauspielkunst. Denn selbst in der Zeit des formalen Expressionismus fand sich der Schauspieler in den durch Fabel und Handlung entwickelten Rollen.

Leopold Jeßners „Wilhelm-Tell“ -Inszenierung im Dezember 1919 war ein Beispiel für die klare, jeden Ballast abstoßende, räumliche und sprachliche Gliederung der Handlung. In dieser linearen Inszenierung aber konnte sich die Phantasie des Schauspielers schöpferisch entfalten. Kortners Geßler bleibt ein unvergeßliches Beispiel. Er war ein fetter Cäsar, wie aus der Zeit der Christenverfolgungen. Er flegelte sich vor der Not des Volkes, wie ein römischer Imperator Tierkämpfen in der Arena zusah. Aber alles knapp, gebändigt, mit äußerster Zurückhaltung der Mittel. Außerordentlich.