A. M., New York, im Mai

Der triumphale Sieg Kennedys in dem Stahlpreiskonflikt hat ein starkes Unbehagen hinterlassen. Obwohl das energische Vorgehen des Präsidenten der öffentlichen Meinung imponiert hat, und die Preiserhöhung in keiner Weise populär war, besteht doch weithin das Gefühl, daß ein Präzedenzfall geschaffen wurde, der die Grundprinzipien des amerikanischen Wirtschaftslebens berührt. Was gestern der Stahlindustrie passiert ist, kann morgen jedem anderen wichtigen Wirtschaftszweig widerfahren.

Das Problem wird am klarsten durch die Fragestellung umrissen, ob die Preisbildung noch durch die Marktfaktoren bestimmt wird oder ob die Preise von nun an „in Washington gemacht“ werden. Eine Provinzzeitung hat sich den extremen und bissigen Kommentar geleistet, daß Chruschtschow mit seiner während der Amerikareise gemachten Prophezeiung: „Eure Enkel werden unter dem Sozialismus leben“, recht behalten könnte. Das ist maßlos übertrieben, aber die Befürchtungen laufen in dieser Richtung.

Kennedy fühlt offensichtlich die Zweischneidigkeit seines Vorgehens. Unmittelbar nach dem Sieg hat er in einer versöhnlichen Geste Mr. Blough, den Präsidenten der US Steel Corporation, im Weißen Haus empfangen. Noch am letzten Apriltag hat er vor der Versammlung der United States Chamber of Commerce eine Ansprache gehalten, die alle den Bedenken Rechnung trug, die das Vorgehen der Regierung in der Stahlpreisfrage wachgerufen hat.

Mit der einlenkenden Haltung des Präsidenten sind die aufgeworfenen Probleme aber nicht gelöst. Die Börse hat dunkle Tage erlebt. In den sehr empfindlichen Kurseinbußen drückt sich eine vorsichtig gewordene, Beurteilung der Gewinnaussichten der Industrie aus. Es wird darauf hingewiesen, daß die Gewinne der Aktiengesellschaften (nach Abzug der Einkommensteuer) in den letzten elf Jahren nur von 22,8 auf 23,3 Milliarden $ gestiegen sind, also praktisch stagnieren, während gleichzeitig die Lohn- und Gehaltszahlungen sich von 154,5 auf 302,9 Milliarden $ fast verdoppelten und das Bruttosozialprodukt sich von 366,5 auf 521,3 Milliarden $ erhöhte. Der Prozentsatz der Gesellschaftsgewinne am Bruttosozialprodukt ist von 7,8% im Jahre 1947 auf knapp 4,5 % im letzten Jahr zurückgegangen.

Die mit schroffen Mitteln durchgeführte Regierungsintervention in der Stahlpreisfrage hat in der Industrie ein starkes Unsicherheitsgefühl hinterlassen. Ein führender Industrieller hat diesem Gefühl mit den Worten Ausdruck gegeben, daß die Regierung die Spielregeln der Preisbildung mitten in der Partie geändert hat und er nun nicht daran denke, weiter zu investieren, bevor nicht Klarheit über neue Spielregeln geschaffen ist.

Die Dringlichkeit der aufgeworfenen Fragen wird durch drohende neue Arbeitskonflikte erhöht. Die Bauarbeitergewerkschaft in Kalifornien fordert für einen neuen dreijährigen Tarifvertrag Erhöhungen der Stundenlöhne um 60 cents, dazu 25 cents pro Stunde in Pensionsrechten, 25 cents in Feriengeldern und 5 cents in Krankheits- und Wohlfahrtszuschüssen – insgesamt also 1,15 Dollar pro Stunde. Die Unternehmer haben 30 cents geboten. Auch der Verlauf anderer Tarifverhandlungen läßt akute Streikgefahren befürchten.