Von Marcel

In Friedrich Sieburgs Besprechung der Tagebücher des Henry de Montherlant („Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 28. April) geht es nicht nur um den französischen Schriftsteller. Der große Kritiker zielt weiter und höher und hat offenbar – von den Mißständen in der Bundesrepublik tief bedrückt – Allgemeineres im Sinne.

„Die soziale Heuchelei“ sei es, die „die heutige deutsche Literatur unilesbar macht“. Das literarische Leben werde bei uns – erfahren wir – „ausschließlich von den Umtrieben der Werbechefs, Lektoren und Manager bestimmt“. Dem Autor der Tagebücher, der sich über die Verhältnisse in seiner Heimat beschwert, empfiehlt der Rezensent „eine Weile des Umherwatens im dürren Sand der heutigen deutschen Literatur, die kaum mehr ist als das grobe Geraufe um Machtpositionen“.

Noch mehr als Montherlant werden von Sieburg die Franzosen gelobt, weil sie zu ihm – dem Montherlant, versteht sich – das rechte Verhältnis hätten:

„Das auf Literatur und dichterische Könnerschaft versessene Frankreich, das keine Banalität scheut, aber den Kenner achtet, hat sich durch die Beleidigungen, die dieser Meister des Wortes ihm seit je angedeihen läßt, nicht davon abschrecken lassen, ihn zu lesen, um seine Vollendung zu genießen.“

Das soll vermutlich heißen: In Deutschland, wo man „auf Literatur und dichterische Kennerschaft“ eben weniger versessen sei, lasse man sich davon abschrecken, die „Kenner“ zu achten und die „Meister des Wortes“ zu lesen, um ihre „Vollendung zu genießen“.

Ja, aber von wem ist eigentlich hier die Rede? Wo gibt es im angeblich so „dürren Sand der heutigen deutschen Literatur“ jenen „Meister des Wortes“, der „Vollendung“ zu bieten hätte, jedoch nicht genug geschätzt würde? Unzweifelhaft hat Friedrich Sieburg einen bestimmten deutschen Schriftsteller im Auge, dem offenbar ein gewaltiges Unrecht geschieht. Warum wird uns sein Name vorenthalten, da wir doch begierig wären, uns für diesen Kenner und Meister einzusetzen und seine vollendeten Schriften zu genießen? Der große Kritiker ist nicht willens, sein Geheimnis zu lüften.