Wenn man die Reaktionen von ein paar Dutzend Blättern richtig verfolgte, hat Bohumil Herlischkas Fernsehversion vom „Woyzeck“ Georg Büchners einen staunenswerten Katalog von Verdammungsurteilen provoziert – vom abwägend-differenzierten „Verfehlt“ der „Süddeutschen Zeitung“ bis zum „Ekelhaft“ des Berliner „Abend“.

Die Sache nahm sich tatsächlich etwas verwirrend aus: Der Tscheche, der mit „Jenufa“ und „Kirschgarten“ zwei bemerkenswerte Inszenierungen vorgelegt hat, brach nicht nur die herkömmliche Ordnung des Fragment gebliebenen Dramenentwurfs auf, indem er die Reihenfolge der Szenen umkehrte; Herlischka mischte auch unbedenklich die verschiedenen Fassungen (wissenschaftlich gesprochen: H und h), und nicht immer war der Sinn solcher Auswechslungen einzusehen. Verschiedene Lesarten ein und derselben Stelle ließ er als Wiederholungen mehrmals sprechen, letzte Worte eines Szenenschlusses wurden im Stakkato zwanzigmal hintereinander herausgebellt, die Schlußszenen wurden stark beschnitten, der schaurig-verklingende allerletzte Auftritt mit den beiden „Leuten“ war ganz gestrichen.

Gewalttätigkeiten dieser Art werden vom Resultat her legitimiert, aber eben das war hier zweifelhaft. Der soziale Aspekt war weggenommen, die Armut, aber auch der irre Zustand Woyzecks taten nicht viel zur Sache, am deutlichsten kam noch die sündige Kreatürlichkeit Maries zur Erscheinung, nur daß sie nun ganz und gar ins Sexuelle hinübergespielt war. Arzt und Hauptmann waren aus dem üblichen Simplizissimushaften ins Prager Golem-Milieu gewendet, die dunkle Volksliedpoesie dafür nahezu ganz weggenommen: Es wurde und wurde nicht deutlich, worauf eine Regie hinauswollte, dedoch die intellektuelle Energie auch in den verfehltesten Szenen noch anzumerken war. Vielleicht empfiehlt es sich doch, daß man deutsche Experimente mit der Neuen Welle nicht an Kafkas „Schloß“ und Büchners „Woyzeck“ ausprobieren läßt.

Neben einem unterhaltsamen Spaziergang Thilo Kochs durch das tanzende New York dann das erste Stück einer neuen Reihe, die prominente Zeitgenossen vom Admiral der Bundeswehr bis zum exilierten Dramatiker vorstellen will; diesmal war Willy Haas an der Reihe. Über das skurrile und etwas einfältige Unternehmen, das sich mit Friedrich Lufts Porträtreihe ein wenig überschneidet, nächste Woche (anläßlich des Kortner-Porträts vom 8. Mai) mehr.

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