Der Fußball beherrscht wieder einmal die Szene allein, alle übrigen Sportarten werden von ihm an die Wand gespielt. Das Endspiel am Sonnabend im Berliner Olympiastadion brachte die erwartete Paarung: 1. F. C. Nürnberg gegen den 1. F. C. Köln. Die Kölner sind Favoriten, aber auch den Nürnbergern traut man einen Sieg zu. Die zwei letzten noch aktiven Spieler der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954, der 37jährige Morlock und der 35jährige Schäfer stehen sich gegenüber.

Überstrahlt wurde aber die deutsche Fußballmeisterschaft, genauso wie das Endspiel um den englischen Cup, vom Glanz des Finales um den Europapokal. Die Epidemien des Fußballbazillus haben einen verschiedenartigen Verlauf. Ist die eigene Mannschaft und das nationale Prestige im Spiel, schießt das Fieber in „wilden Zacken“ jäh in die Höhe und erzwingt Streiks und leere Bundestagsbänke. So war es, als der Hamburger Sportverein seine schon fast legendären Schlachten gegen Barcelona schlug. Diesmal schien es in Amsterdam’ nur eine intern-iberische Auseinandersetzung zu geben, ohne besondere Ausstrahlung. Die größte deutsche Fernsehzeitung hatte die Übertragung mit folgenden Worten angekündigt: 19.30 Uhr Sportsendung – Einzelheiten wurden uns bei Redaktionsschluß nicht mitgeteilt (!). An die Eurovisionssendung hatten sich dann aber nicht weniger als dreizehn europäische Länder angeschlossen, und es rollte ein Spiel ab, von dem selbst die hartgesottensten Experten nur in sich überschlagenden Superlativen schwärmten, ein Spiel, das in seiner Mischung von artistischer Schönheit und dramatischer Wucht wohl einmalig war. Und jetzt erst stieg die Temperatur der Fußballfans langsam aber gleichbleibend an und zwei bis drei Tage redeten sie halb verzückt nur noch von diesem Spiel der Spiele, das offenbarte, welche Möglichkeiten die Magie des Balles noch in sich birgt genug, um die Massen ein weiteres halbes Jahrhundert zu berauschen.

Sollte sich die deutsche Mannschaft bei dem gigantischen Weltturnier in Chile in ihrer Gruppe, wo sie es mit Italien, dem gastgebenden Land und der Schweiz zu tun hat, qualifizieren, werden die Fieberzacken der Fußballenthusiasten wieder so emporschießen, daß es heute schon vielen Angst und Bange wird, wenn sie nur daran denken.

In Spanien, Portugal und im ehemaligen iberischen Kolonialgebiet, in Lateinamerika, finden heute die erregendsten Fußballvorstellungen statt, Dort wird der nüchterne Erfolgsstil noch nicht so konsequent durchexerziert wie in den nördlichen Breiten Europas, wo man besser zu organisieren, aber nicht so genial zu improvisieren versteht. Inzwischen haben Spieler und Trainer vor allem aus Ungarn es verstanden, auf der Pyrenäenhalbinsel eine großartige Synthese zwischen individueller Entfaltung und diszipliniertem „teamwork“ herbeizuführen und den Hang zur selbstgefälligen Ballartistik dem Zweck zwar weitgehend unterzuordnen, ohne aber durch ein zu starres Schema die so verwirrende Augenblicks-Intuition zu ersticken. Gerade die Neger können hier spezifische Talente ihrer Rasse effektvoll ausspielen.

Würde man im Augenblick zum Beispiel eine Umfrage nach den beiden besten Spielern der Welt anstellen, bekämen zwei portugiesisch sprechende Neger, der Brasilianer Pete und der Portugiese Eusebio wohl die meisten Stimmen. Der neue Star Eusebio kommt aber nicht aus dem einstigen amerikanischen Kolonialreich, wie Pele als Nachkomme freigelassener Sklaven, sondern aus den noch bestehenden Kolonien in Afrika, die nach offizieller Lesart ja Provinzen des Mutterlandes sind In Mozambique wurde Eusebio da Silva Fereira von einem brasilianischen Trainer „entdeckt“. Für 18 000 Dollar „kaufte“ ihn Benfica Lissabon vor zwei Jahren; heute wird der Wert des Zwanzigjährigen auf fast eine Million Dollar geschätzt. Wie im römischen Imperium, wo die freigelassenen Sklaven im Zirkus und Amphitheater die „erschlafften“ Römer auf den Rängen ergötzten, höre ich sagen. Wohin ist der Sport gekommen!

Aber wohin ist die Musik gekommen? Hier herrscht genau das gleiche Starwesen. Die großen Sängerinnen und Sänger werden nach festen Gagen von Managern gehandelt. Die Callas singt für 5000 Dollar pro Abend, del Monaco für 4000 Dollar usw. Beim „Großen Fußball“, der mit Amateursport so viel und so wenig zu tun hat wie die große Oper mit der Hausmusik, besitzen die Mannschaften ebenfalls ihre feste Gage. Real Madrid kostete bisher 30 000 Dollar pro Spiel Als Eintracht Frankfurt sie für 25 000 haben wollte, lehnten die Spanier prompt ab. Sie werden ihren Preis jetzt etwas senken müssen, obwohl sie noch immer glänzend gespielt haben.

Das ist der Zwang der Gesetze der fielen Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage beim Schaugeschäft, ob es nun „Große Oper“ oder „Großer Fußball“ heißt. Und wie es viele Tausende gibt, die recht und schlecht ihr Musikinstrument spielen, weil es ihnen eben Spaß macht, so rennen viele Tausende einem Ball nach, ebenfalls weil es ihnen Spaß macht.