Von Günter Albrecht Zehm

Da auch wir in diesem Buch von Zwerenz persönlich attackiert werden und da Günter Zehm, damals gerade dem Zuchthaus der Zonenmachthaber entkommen, als Kronzeuge dieser Attacken darin vorkommt, erschien es uns fair, den gleichen Günter Zehm um Besprechung des Buches zu bitten.

Moralisten entstehen aus wohlverstandenem Interesse und Verstellung oder infolge körperlicher Schäden. So lautet eine der Maximen aus der neuen Publikation von

Gerhard Zwerenz: „Wider die deutschen Tabus – Kritik der reinen Unvernunft“; Paul List Verlag, München; 190 S., 2,20 DM.

Die Maxime ist fragwürdig. Lichtenberg war bucklig, deshalb wurde er ein Moralist. Montaigne litt unter Podagra, deshalb wurde er ebenfalls ein Moralist. Die Konklusion hieße dann: Moralisten sind jene, die irgendwie zu kurz kommen. Moralisten sind im Grunde falbe Giftlinge, die immer wieder die Galle ihrer eigenen, verkrüppelten Subjektivität aufkochen. Aber diese Konklusion würde ich nicht akzeptieren, nicht einmal nach der Lektüre von Zwerenz’ neuestem Buch.

Es ist eine Gelegenheitsproduktion. Es versammelt Reden und Aufsätze aus der letzten Zeit, Reden, die der Autor sich selber und anderen gehalten hat, Aufsätze aus verschiedenen Anlässen

Allen diesen Arbeiten gemeinsam ist der unverträgliche Ton, die aggressive Geste, die unerschütterliche Selbstgewißheit. Das Ganze mutet an wie ein Restfragment aus den Zwerenz-,Ärgernissen“, die voriges Jahr von sich reden michten. Dieselben Motive, dieselben Feinde, derselbe Holzhammer.