Von Petra Kipphoff

Seit zehn Jahren verlegt der Kösel-Verlag die Werke von Karl Kraus. Der Kösel-Verlag ist in München ansässig. Zu seinen Autoren gehören Josef Pieper und Romano Guardini. Seit 1952 nun erscheint dort jährlich einer dieser schönen Bände in braunem Leinen, von Kraus’ Freund und Nachlaßverwalter, Heinrich Fischer, sorgfältig ediert. Und jedes Jahr wieder denkt der Käufer und Leser dieser Bände ungläubig bewundernd: Das gibt es also auch noch, einen Verlag, der so tollkühn ist, neben der unsichtbaren Flagge der Menschenfreundlichkeit eines Peter Bamm die weithin sichtbare Menschenverachtung eines Karl Kraus zu dulden. Denn Karl Kraus hielt vom Menschen nicht eben viel – sich selber ausgenommen. Und er hielt schon gar nichts von den menschlichen Institutionen: der Kirche, den Verbänden, der Justiz. Das ist kein Geheimnis. Oder war es das doch?

Im Spiegel vom 2. Mai 1962 ist folgende Notiz zu lesen: "Der Münchner Kösel-Verlag hat die Herausgabe der Werke von Karl Kraus überraschend abgebrochen. Die noch ausstehenden fünf Bände werden im Münchner Verlag Langen-Müller erscheinen. Kraus-Herausgeber Heinrich Fischer begründete den Kösel-Verzicht: Der Verlag könne die letzten fünf Kraus-Bücher nicht mit seiner katholischen Einstellung vereinbaren."

Hat der bedauernswerte Kösel-Verlag also doch nicht gewußt, was für ein Bösewicht dieser Kraus war und wie der sich noch mausern würde? Stürmten auf einmal die Pfaffen mit zornig wehender Soutane das Vorzimmer des Verlagsleiters? Drohte Rom gar mit dem Index?

Nichts da. Sondern: schon vor geraumer Zeit waren Heinrich Fischer und der Kösel-Verlag übereingekommen, die Kraus-Ausgabe mit dem im Herbst dieses Jahres erscheinenden zehnten Band abzuschließen und den Druck weiterer Bände dem Verlag Langen-Müller zu überlassen. Das alles war in friedlichem Einvernehmen geregelt worden. Ja, es war sogar Heinrich Fischer selbst, der dem Kösel-Verlag dringend zu diesem Schritt geraten hatte, mit der Begründung, daß in den noch zu publizierenden Bänden Dinge zu lesen seien, die einem katholischen Verlag unweigerlich den Ruf einbringen würden, den Mächten der Hölle anheimgefallen zu sein. Soviel zum Spiegel.

Die Bände übrigens, die also in Zukunft im altbekannten braunen Kösel-Gewande bei Langen-Müller erscheinen sollen, werden die frühen Essays der Fackel bringen, die Kraus selber unter dem Titel "Sittlichkeit und Kriminalität" und "Die Chinesische Mauer" zusammengefaßt und ediert hatte. Diese beiden Bände nun enthalten in der Tat gar manches, was möglicherweise einen Pater Leppich erröten machen könnte. Aber teilweise sind es eben leider auch die besten Stücke, die Kraus überhaupt je geschrieben hat: funkelnd von Angriffslust und Schärfe und atemberaubend in ihrem visionären Pathos. Dieser frühe Kraus hat noch nichts von der späteren Grämlichkeit oder Resignation; er ist einfach jung, frech, empört, und er gebärdet sich so tollkühn, als wollte er die ganze Welt in Scherben schlagen und dann nach eigenem Konzept neu einrichten.

Aber die Welt ist heute friedlich geworden. Um Himmels willen keine neuen Scherben, nur keine Komplikationen. Kraus – ja, schon recht, aber in Portionsstücken ist er genießbarer und ungefährlicher. Was hätte Kraus selber wohl zu dieser pfiffigen Taktik gesagt, die aus ihm einen Kösel-Kraus (noch eben tragbar) und einen Langen-Müller-Kraus (die Kost für stabilere Mägen) macht?

Wir wissen’s nicht. Er hatte diese Frage ja zu seinen Lebzeiten energisch anders gelöst: Seine Werke erschienen im Eigenverlag, nachdem er gefunden hatte, daß er völlig ungeeignet sei für die Zusammenarbeit mit den Verlegern.