Von Georg Picht

Die Frage der Kulturpolitik hatte im „Tübinger Memorandum“ einen wichtigen Platz. Dr. Georg Picht, Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Kirche, erläutert hier die Ideen, von denen die Unterzeichner ausgingen.

Das Memorandum der Acht geht in seinem kulturpolitischen Teil von einer These aus, die überall Zustimmung gefunden hat. Es sagt: „Das öffentliche Bewußtsein hat noch nicht begriffen, daß in der Welt des 20. Jahrhunderts das wirtschaftliche Potential und die politische Selbstbehauptung eines Staates vom Stande seines Bildungswesens abhängig sind.“ Damit ist nichts Geringeres behauptet, als daß die Bundesrepublik wirtschaftlich und politisch zugrunde gehen wird, wenn es ihr nicht gelingt, ihr Bildungswesen auf einen Stand zu bringen, der den Anforderungen der heutigen Zeit genügt.

Hierin sind sich, soweit ich sehe, alle Sachverständigen einig, und auch die Politiker stimmen zu. Trotzdem blieben bisher die Leistungen des Bundes und der Länder weit hinter den Anstrengungen zurück, die nötig wären, wenn wir einen schon heute bedrohlichen Rückstand wieder einholen wollen. Gewiß sind im Bereich der Forschung und der wissenschaftlichen Hochschulen dank der Einrichtung des Wissenschaftsrates von Bund und Ländern ermutigende Fortschritte gemacht worden – wir haben deshalb im Memorandum darauf verzichtet, auf diesen Bereich näher einzugehen.

Aber die Reform des Schulwesens, die das Fundament der gesamten Wissenschaftsförderung bilden müßte, hat nur bescheidene Fortschritte gemacht, ja es ist sogar fraglich geworden, ob es gelingen wird, auch nur den gegenwärtigen Bestand zu erhalten. Schon vor zwei Jahren hat der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen in Folge 5 seiner „Empfehlungen und Gutachten“ darauf hingewiesen, daß die Bundesrepublik, gerade gesprochen, einen Fehlbedarf von rund hunderttausend Lehrern aller Schulgattungen hat. Diese Zahl ist vor kurzem vom Ettlinger Kreis bestätigt worden.

Eine solche Feststellung hätte in jedem anderen Lande die große Schlagzeile der Tageszeitungen geliefert, denn es wird hier ein nationaler Notstand erster Ordnung, um nicht zu sagen eine nationale Katastrophe aufgedeckt. Es gehört wenig Sachverstand dazu, um einzusehen, daß sich hinter dieser Zahl künftige Wirtschaftskrisen verbergen, und auch politisch ist ein Staat, der heute seine Schulen nicht mehr mit Lehrern versorgen kann, in den nächsten Jahrzehnten nur noch beschränkt handlungsfähig.

Trotzdem wird in der Bundesrepublik eine solche Feststellung mit dem stillschweigenden Einverständnis aller Parteien und Ministerien totgeschwiegen. Es lohnt sich wahrhaftig, zu fragen, warum das so ist. Das Memorandum nennt den entscheidenden Grund beim Namen: Es spricht von der „Schwerfälligkeit unseres föderativen Systems der Kulturverwaltung“ und fordert, daß „neue Wege zur Zusammenarbeit von Bund und Ländern gefunden werden, die eine einheitliche Planung und Entscheidung der Grundsatzfragen ermöglichen“. Nur so kann die „durchgreifende Neuordnung unseres Erziehungs- und Bildungswesens“ gelingen, die wir gefordert haben, weil sie lebensnotwendig ist.