Eduard Munch (1863-1944):

Man kommt in Gewissenskonflikte. „Mein Bild“? So genau hat man es nicht genommen. Da hängt eins in Basel, eins in Turin, eins im Prado, eins in München, eins in der Sammlung Thompson, eins in der Sammlung Bührle, eins in Berlin – und dieses hier in Zürich. Es hängen auch welche daheim, darüber wollte ich eigentlich schreiben, aber man soll seine Geheimnisse nicht preisgeben. So nehme ich ein mir sehr liebes Bild aus dem Zürcher Kunsthaus: Munchs „Musik in der Karl-Johann-Straße in Oslo“.

Ich kenne es seit Jahrzehnten, damals hing es als Leihgabe im Kronprinzen-Palais in Berlin. Es gehörte dem Berliner Kunsthistoriker Curt Glaser; er war ein kluger, kenntnisreicher und liebenswerter Mensch. Als das Bild aus dem Museum verbannt wurde und er Deutschland verlassen mußte, nahm er es mit in die Schweiz. Dann ging Curt Glaser weiter nach Amerika, und das Bild blieb in Zürich. Für einige Wochen, vor seiner Abreise, war es sozusagen herrenlos, und ich habe es bewachen hellen – so kam es ins Zürcher Kunsthaus, und da hängt es heute noch.

Wir sind also Nachbarn geworden, und ich habe die freundlichen Beziehungen so gut gepflegt, wie ich nur konnte. Ich liebe das Bild wegen seiner Melancholie, seiner Tristesse, seiner Leere. Ich liebe es wegen seiner Stimmigkeit, Farbe und Form, das alles sagt dasselbe und sagt, was gemeint ist: Sonntagvormittag in einer kleinen Stadt, das ist „our town“, wenn die Stadtmusik durch die Straßen zieht – am Sonntagmorgen – nur die Kinder freuen sich; die Erwachsenen, vor allem die „Vornehmen“, der Herr im Zylinder, sind etwas geniert. Es war alles genauso trostlos in meiner kleinen Stadt, nur der rote Sonnenschirm fehlte.

Eine lärmende Stille ist in dem Bild, die Plätzen geben einen verlorenen Glanz. Eine Kafka-Antizipation. Voll Unheimlichkeit und Dämonie. Die Dämonen scheinen noch zu schlafen, sie lauern und warten auf ihre Stunde. Später, auf einem andern Bild von der Karl-Johann-Straße, sind sie erwacht und gehen um.

„Mein Bild“ ist zudem noch von großem. Raffinement. Es hat die Peinture des französischen Impressionismus. Zunächst erscheint es ziemlich „farblos“. Bei näherem Hinschauen aber sieht man, welche Farbigkeit es in sich trägt. In unerwartet zarten Schattierungen korrespondieren die Farben und helfen eine Struktur herzustellen und eine Spannung zu erzeugen, wie sie nur großer Malerei eigen ist.

Auch die Geschichte des Bildes berührt: Münch tauschte es bei einem Schuster für ein Paar Schuhe. Der Schuster stellte es ins Fenster. Dort fand und kaufte es der sehr zu Unrecht vergessene Maler Oskar Moll. Der wiederum verkaufte es an Curt Glaser, dann begann seine oben beschriebene Reise in meine Nachbarschaft, ins Kunsthaus Zürich. Es ist – neben den anderen – schon sehr „Mein Bild“.

KURT HIRSCHFELD, Regisseur und Dramaturg, geboren 1902 in Lehrte bei Hannover, studierte in Frankfurt, Heidelberg, Göttingen; war 1930 bis 1933 in Darmstadt engagiert, 1933 bis 1934 und seit 1938 in Zürich, wo er jetzt Intendant ist-, schrieb unter anderem „Abschied – Dramaturgische Bilanz“.