Sehr geehrter Herr Anonymus,

wir haben Sie beleidigt. Wir haben „einem Goethe, einem Hölderlin“ Hohn gesprochen. Wir haben das Abendland in Gefahr gebracht. Wir gehören ins Tollhaus. Wir haben ein Gedicht veröffentlicht, das Sie nicht verstanden haben.

Ich könnte Ihnen einfach mit einem Satz frei nach Lichtenberg antworten: Wenn ein Gedicht und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, so muß das nicht immer an dem Gedicht liegen. Aber ich will nicht in den Ton Ihrer Postkarte verfallen, die der besten Tradition anonymer Zuschriften entsprossen ist.

Nehmen wir also an, Sie hätten Ihren werten Kopf nicht nur indigniert und mit hämischer Wonne geschüttelt, sondern zunächst seinem eigentlichen Zweck zugeführt. Und Sie fragten dann: Müssen es einem die Dichter so schwer machen? Müssen Gedichte so dunkel, so unverständlich sein?

Es wäre eine berechtigte Frage, und viele Antworten sind möglich und tatsächlich gegeben worden: etwa (demokratisch), daß sich ein nur schwer oder gar nicht mitteilbares Gedicht sozusagen selber eliminiere und am Ende nichts weiter ist als ein privates Divertimento; oder (aristokratisch), daß der Ruhm der Dichtung um so größer sei, je mehr sie sich dem banalen Verständnis entzieht, je kleiner die Elite, der sie sich erschließt.

Es sind Fragen und Antworten, so alt wie die Literatur selbst; Gegensätze, nicht zu versöhnen und immer fruchtbar.

Es sei hier keine Lanze für jene künstliche Obskurität eingelegt, mit der sich Binsenlyrik den Anschein von Tiefe zu geben sucht; für bloße Schlamperei oder überlegten Bluff; für den dichten Qualm, der um Platitüden verbreitet wird, damit sie als Platitüden unkenntlich werden. Auch jene Richtungen, die mit Bedacht und theoretischer Untermauerung ihren Hermetismus, ihre Orphik und Kryptomanie pflegen, seien außer acht gelassen. Und schon ganz die Frage, was denn unter „verstehen“ eigentlich zu verstehen ist. Nur das immer wieder vorgebrachte Argument, heutige Lyrik sei so viel unzugänglicher als ältere, so als sei die Vergangenheit ein einziger Lichtbezirk, die Gegenwart aber voller tückisch verbreitetem Nebel, muß bestritten werden. Darf ich Sie erinnern?