In Berlin gab sich Adenauer als Verhandlungs-Skeptiker und als Europa-Optimist

Berlin, im Mai

Bundeskanzler Adenauer ging, als er am vergangenen Montag nach Berlin kam, zuerst zu den Journalisten. Das Rendez-vous fand in der Fasanenstraße statt, im „Haus der Kaufleute“, nahe der Börse gelegen. Ja, was denn? War der Kanzler, der vom Comer See kam, bei Mephistopheles zur Kur gewesen? Er kam als verjüngter Faustus in die Viersektorenstadt – dem Osten gegenüber mit der Kraft zur Unbeweglichkeit und dem Verlangen nach dem Festhalten am status quo, für den Westen dagegen bereit, die Geißel zu schwingen, um die europäische Union endlich politisch zu vollziehen. „Da hilft nichts“, sagte er, „das muß in diesem Sommer geschehen!“

Es scheint in der Tat, daß die Sondierungsgespräche der Amerikaner mit den Russen keinen Kurswert bei Adenauer haben. „Wenn Sie wüßten, wie langweilig die Telegramme sind, die ich darüber täglich lesen muß.“ Immer stünde dasselbe darin. Nie fiele den Russen etwas Neues ein. Adenauer kann nur pures Mitleid mit den Männern haben, die mit den Sowjets verhandeln müssen. Und wenn man die Dinge genau besehe, sei schließlich doch alles für die Katz’.

Da ist beispielsweise die Sache mit der Kontrollverwaltung auf den Verbindungswegen. Dreizehn Nationen sollen daran teilnehmen, und drei davon sind Neutrale. „Meinen Sie wirklich, daß die drei die unangenehme Aufgabe übernehmen, in so einer Sache das Zünglein an der Waage zu sein?“ Und damit auch kein Zweifel bestehe, formulierte er wörtlich so: „Ich habe nicht einmal die leiseste Meinung, daß es zu einem Ergebnis kommen wird.“ Gefragt, was denn passieren werde, wenn die Verhandlungen kein Ergebnis hätten, sagte er: „Dann wird die große Pause kommen.“ Beinahe hätte er „Atempause“ gesagt.

Besser, es bleibt, wie es ist

Für Adenauer ist die Zwecklosigkeit der Verhandlungen offensichtlich nicht nur Überzeugung, sondern auch Wunschtraum. „Für Berlin“, so sagte er, „ist es besser, es bleibt, wie es ist...“ Und er fügte ein wenig verbittert hinzu: „... als daß diese Linie fortgeführt wird.“