Wissen Sie, was Public-Relations (PR) sind? – Es gibt dafür viele Definitionen und alle weichen soweit voneinander ab, wie die Fachleute. Was gute Public-Relations sind (vielmehr was passieren kann, wenn man sie nicht betreibt), kann, seit es eine Affäre „Volkswagenpreis“ gibt, recht eindrücklich demonstriert werden.

Der Generaldirektor eines Riesenunternehmens muß eine Entscheidung treffen, die für die Käufer seines Produktes von großer Bedeutung ist. Er beabsichtigt, die Preise heraufzusetzen und weiß, daß diese Maßnahme durchaus nicht eitel Freude bereiten wird. Wer wäre, so fragen wir uns, in einem Unternehmen von der Größe des VW-Werkes in der Lage, der Geschäftsleitung beratend zur Seite zu stehen, wenn es darum geht, eine Preiserhöhung zu publizieren und sie in der Öffentlichkeit richtig an den Mann zu bringen? Selbstverständlich ist das die Aufgabe für den PR-Manager. Und man darf wohl annehmen, daß die meisten Gesellschaften, die 100 oder mehr Millionen Mark pro Jahr umsetzen, einen Beauftragten für Public-Relations besitzen. Beim VW-Werk hat dieser Mann, sofern es ihn dort gibt, versagt.

Zweifellos diskutierte man monatelang in Wolfsburg die bevorstehende Preisänderung; man hat gerechnet, die Marktaussichten geprüft, die Möglichkeiten der Autoindustrie in der Zukunft untersucht und hat sich schließlich schweren Herzens zur Preiserhöhung entschlossen. Alle kaufmännischen und technischen Überlegungen haben den Schritt als unumgänglich erkennen lassen. Blieb also nur noch die Frage, wie man die Öffentlichkeit, die Märkte, die Käufer von der Neuerung in Kenntnis setzte.

Der Zufall wollte es, daß der Wirtschaftsminister just in dem Augenblick seinen handgreiflichen Maßhalte-Appell per Funk und Fernsehen verbreitete und damit die Diskussion in der Bundesrepublik in heftige Bewegung brachte. Wie ungeschickt war es also von Generaldirektor Nordhoff, daß er seine „unangenehme Wahrheit“ in einer nüchternen Verpackung, ohne jedes psychologische Fingerspitzengefühl, an den Mann brachte. Er mußte in diesem Falle mißverstanden, angegriffen und schließlich auch heftig kritisiert werden. Dabei war seine Entscheidung von vielen guten Argumenten getragen und durchaus nicht aus purer Opposition gegen den Wirtschaftsminister geplant. Aber selbstverständlich hätte ein Kenner der Öffentlichkeit und ihrer Reaktionen Generaldirektor Nordhoff von Anfang an darauf aufmerksam machen müssen, daß in dieser heiklen Information eine besondere Sorgfalt notwendig sei. Ich bin überzeugt, hätte man im VW-Werk eine Vorstellung von PR gehabt, es wäre nie zu einer Krise Erhard–Nordhoff gekommen. Nordhoff wäre mit dem guten Rat seines PR-Chefs nicht in die unangenehme Situation geraten, in der er sich während Tagen befunden hat. Viel Arbeit und Ärger wäre ihm erspart geblieben, und daß die ganze Sache an seinen Nerven zerrte, das konnte man nach der mehr als 3 1/2stündigen Diskussion mit der Presse am Abend des gleichen Tages am Fernsehschirm deutlich erkennen.

Da wäre doch eine dankbare und großartige Aufgabe für einen PR-Mann gewesen, sein Metier unter Beweis zu stellen. Die Information der Öffentlichkeit, der Presse, der Regierung usw. in einer Art vorzubereiten und durchzuführen, daß man für das Volkswagen-Werk und seine Maßnahme Verständnis aufbringt: Dafür hätte gute Public-Relations-Arbeit geleistet werden müssen. Dazu braucht es allerdings mehr als die paar abgegriffenen Tricks, die heute noch beim Anfänger als PR gelten: Wie man z. B. den Redaktionen Nachrichten und Pressedienste auf den Schreibtisch schmuggelt, wie man dafür sorgt, daß im Textteil einer Zeitung eine Marke, ein Name erwähnt wird und wie man einen smarten Presseempfang organisiert. Da hätte sich gezeigt, daß ein fähiger, wirklich über der Sache stehender PR-Kenner all jene Faktoren berücksichtigt hätte, die dem VW-Entscheid den Charakter einer überlegten Handlung geben. Das Mißverständnis der Öffentlichkeit, der Regierung wäre überhaupt nicht aufgekommen, und, so kann man heute sagen, viel Ärger wäre allen erspart geblieben.

Die Sache ist klar: Man steht beim VW-Werk und vermutlich in vielen anderen deutschen Unternehmen erst am Anfang guter Public-Relations und dies, obschon sehr viel darüber geschrieben und auch geredet wird. Rle.