Märtyrertum kann nicht verlangt werden

Von Walter Abendroth

Nichts ist billiger, als post festum Abrechnung zu halten über Mitschuld an den Verbrechen einer gestürzten Diktatur, über Mitläuferschaft und Mangel an Widerstandswillen. Und nichts ist schwieriger, als für eine solche Abrechnung Maßstäbe und gerechte Urteile zu finden.

Wir haben es selbst erfahren, wie viele Vorwürfe und Beschuldigungen da als willkommene Handhaben ausgekramt werden, um in Wirklichkeit den Interessen persönlicher Animosität oder gewöhnlichsten Brotneids zu dienen; und wie viele echte Lumpen dabei ungeschoren bleiben, weil sie niemandem im Wege stehen.

Aufschlußreich ist eine Darstellung der Verhältnisse in Ungarn, während jenes Regimes, dessen Sturz mit dem unglücklichen Aufstand von 1956 gemeint war –

Tamas Aczel und Tibor Meray: „Revolte des Intellekts“ – Die geistigen Grundlagen der ungarischen Revolution, deutsch von Jutta und Theodor Knust; Verlag Langen-Müller, München; 416 S., Leinen 19,80 DM.

Es ist dem deutschen Leser dabei in Erinnerung zu bringen, daß die ungarische Erhebung nicht ohne weiteres mit anderen Ereignissen auf deutschem Boden (etwa dem 17. Juni) verglichen werden kann. Es ging in Ungarn keineswegs um die Abschaffung des Kommunismus, sondern um das derzeitige System seiner Durchsetzung; nicht um die Idee, sondern um Methoden und Personen. Daran lassen die beiden Autoren gar keinen Zweifel aufkommen. Obwohl Emigranten seit der Niederschlagung jenes Aufstandes, sprechen sie nirgends eine grundsätzliche Verwerfung des radikalen Sozialismus aus. Sie neigen vielmehr zur Auffassung, daß er sich doch mit der Freiheit des Individuums und dem Geiste der Wahrhaftigkeit vereinigen lassen müsse.