Die Salzgitter AG – früher AG für Berg- und Hüttenbetriebe (vorm. Reichswerke) –, Berlin-Salzgiter, deren Grundkapital von 426 Mill. DM sich voll in Bundesbesitz befindet, braucht dringend weiteres Kapital. Im Geschäftsjahr 1960/61 (30. 9.) ist das Investitionsvolumen, vor allem durch den Bau einer neuen Breitbandstraße und eines Kaltwalzwerks bei der Hüttenwerk Salzgitter AG, bereits auf 318,5 (208,6) Mill. DM emporgeschnellt und dürfte im laufenden Jahr die Summe von etwa 370 Mill. DM erreichen. Wie Vorstandsvorsitzender, Dr.-Ing. Dr.-Ing. e. h. Konrad Ende, mitteilte, hat die Verwaltung beim Bund Verständnis für ihre Finanzwünsche gefunden, wobei vorerst an eine Aufstockung um 120 Mill. DM gedacht ist. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Zunächst hat der Bund dem Unternehmen den Reingewinn von wieder 29,8 Mill. DM, der für eine Dividende von unverändert 7 % bestimmt ist, zur Stärkung der Liquidität als Darlehen belassen.

Im Gegensatz zu dem ausgesprochen guten Vorjahr hat das größte bundeseigene Montanunternehmen im Berichtsjahr entsprechend der allgemeinen Lage im Bergbau und bei den Stahlwerken, zum Teil auch in den weiterverarbeitenden Betrieben, erhebliche Schwierigkeiten überwinden müssen, die auch durch die jüngste Belebung auf dem Stahlmarkt noch nicht behoben sind. Der gesamte Konzernumsatz lag mit 3,19 (3,17) Mrd. DM nur noch um 0,8 (41,6) % über dem des Vorjahres, wobei jedoch zu berücksichtigen ist, daß 1959/60 die Kieler Howaldtswerke AG erstmals mit einem vollen Jahresanteil in die Bilanz eingegangen war. Deutlicher als in dem Reingewinn hat sich der Erlösrückgang bei steigenden Kosten und zunehmendem Preisdruck im Rohertrag von 130,5 (171,9) Mill. DM niedergeschlagen. Vorab sind der gesetzlichen Rücklage 0,5 (0,0) und der freien Rücklage 7,7 (12,0) Mill. DM zugeführt worden bei Sonderabschreibungen einschl. degresiver Mehrabschreibungen von 37,3 (50,8) Mill. DM abgesehen von den bekannten Schwierigkeiten bei Kohle und Stahl hat der auf 681,4 (781,6) Mill. DM oder 28,2 (32,2) % verringerte Exportanteil am Gesamtumsatz infolge der DM-Aufwertung die Ertragslage negativ beeinflußt. Besondere Sorgen hat auch hier der ständig steigende Personalaufwand bereitet. Obwohl die Konzernbelegschaft im Berichtsjahr um rund 800 auf etwa 80 400 Personen zurückgegangen ist, stiegen nach der konsolidierten Gewinn- und Verlustrechnung allein die Löhne und Gehälter um 57,0 auf 659,5 Mill. DM oder um fast 10 %.

In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres sah sich die Verwaltung wegen der Absatzstockungen bei Halbzeug gezwungen, im Hüttenwerk die monatliche Rohstahlerzeugung von 145 000 t in der Spitze auf 105 000 t zu drosseln. Eine Erhöhung infolge der besseren Auftragseingänge in den letzten Wochen auf 115 bis 120 000 t ist jedoch vorgesehen. Im Zusammenhang mit der verringerten Leistung des Hüttenwerks wurde auch die Förderung bei der Erzbergbau Salzgitter AG von monatlich 570 000 auf 525 000 t zurückgenommen. Denoch mußten infolge der nachlassenden Bezüge der Ruhrhütten die Erzhalden um monatlich rund 130 000 t auf z. Z. etwa 1,2 Mill. t erhöht werden. Auch die Halden der Steinkohlenzechen – im wesentlichen der Ewald-Kohle AG, Recklinghausen, und der Märkischen Steinkohlengewerkschaft, Hessen (Westfalen) – sind weiter auf über 1,4 Mill. t angewachsen. Allein durch die Lagerbestände in diesen beiden Bereichen sind bei einer bilanzmäßigen Abwertung auf 70 % des Verkaufspreises zusammen über 70 Mill. DM gebunden.

Die hohen Investitionen im Stahlbereich begründete Dr. Ende mit der scharfen internationalen Konkurrenz und dem steigenden Stahlbedarf. Durch einen höheren Anteil an Fertigerzeugnissen beim Hüttenwerk ließen sich Absatzmöglichkeiten und Erträge entscheidend verbessern. Den Anlauf des Kaltwalzwerks und der Drahtstraße kündigte Dr. Ende, für das letzte Quartal 1962, der neuen Breitbandstraße für Mitte 1963 an. Pessimistischer äußerte er sich über die Aussichten bei der Kohle. Es sei kein Geheimnis, daß die meisten Schachtanlagen an der Ruhr „heute rote Zahlen schreiben“. „Je länger wir uns sträuben, in der Krise des Steinkohlenbergbaus eine Strukturkrise zu erkennen, desto schwieriger wird es, durchgreifende Maßnahmen zu verwirklichen.“ Nach seinen Schätzungen dürfte die Steinkohle in diesem Jahr weitere 3 bis 5 Mill. t an das Erdöl verlieren. Die unumgängliche drastische Förderungseinschränkung durch die Stilllegung unrentabler Schachtanlagen könne der Bergbau aber nicht allein aus eigener Kraft bewältigen. Es sei höchste Zeit, den geplanten Rationalisierungsverband zu bilden, um nicht nur den Unternehmen zu helfen, sondern auch dem Bergmann die Gewißheit zu geben, daß sein Arbeitsplatz gesichert ist. G. G.