Der Stil der deutschen Außenpolitik hat sich gewandelt

’Athen, im Mai

Der Nebel, der monatelang die Konturen der deutschen Außenpolitik verhüllte, hat sich gelichtet. Bei der Athener Frühjahrstagung der NATO-Minister ist nicht nur das strategische Konzept des Atlantischen Bündnisses deutlicher und glaubwürdiger geworden. Auch die Bonner auswärtige Politik hat im klaren und klärenden attischen Licht wieder Relief gewonnen.

Man mag darüber streiten, ob es eine neue Politik ist. Auf jeden Fall drückt sie sich in einem gewandelten Stil aus, in größerer Sachlichkeit des Urteils und größerer Geschmeidigkeit des Handelns. Sie ist nüchterner in der Einschätzung der Kräfteverhältnisse, ist interessenbezogen, nicht ideologisch befangen, und bemüht sich zugleich um Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Volk wie gegenüber den Bundesgenossen. Kein Zweifel, daß es der neue Mann in der Koblenzer Straße ist, der diesen Stil der neuen Sachlichkeit geprägt hat. In Athen ist es Gerhard Schröder damit gelungen, die Berliner Verhandlungsfront des Westens wieder zu schließen und die akute Vertrauenskrise zu beheben, die jüngst das deutsch-amerikanische Verhältnis belastet hat.

Es wird zwischen Ost und West weiter verhandelt über Berlin – dies ist eines der Hauptergebnisse der Athener Konferenz. Und zwar wird weiterverhandelt auf der Grundlage jenes Ruskschen Programms, das unlängst so viel Staub aufwirbelte, als es der deutschen Öffentlichkeit bekannt wurde. Ihm zuzustimmen fiel dem Bundesaußenminister um so leichter, als er das Wort der Verbündeten und besonders der Amerikaner hat, daß in der Berlin-Frage keine Regelung getroffen wird, die nicht mit den deutschen Interessen übereinstimmt und von den Deutschen nicht akzeptiert wird.

Vertrauen zu Washington

Dem Wort der Amerikaner vertraut Schröder. Er gehört nicht zu jenen, die täglich in der Morgenzeitung einen neuen Treueschwur aus allerhöchstem Washingtoner Munde lesen müssen, damit ihr Vertrauen in die Ernsthaftigkeit und Festigkeit des US-Engagements gegenüber Deutschland ungeschmälert erhalten bleibt. Im Gegenteil, er vertritt die Ansicht, daß der Wert der verpflichtenden amerikanischen Erklärungen durch strapaziöse Wiederholung eher gemindert als erhöht werde. Im übrigen betrachtet er die Gemeinsamkeit der Interessen als den festesten Kitt des Zusammenhalts.