Ich habe sie gesehen, wenn auch nur auf dem Photo: Jacqueline in Leopard; Elizabeth in Leopard; Liz in Leopard. Wenn berühmte Frauen so unterschiedlichen Gepräges plötzlich einhellig Geschmack am Pantherfell bekunden, ist das Grund genug, um aufzumerken. Gewiß. Es sind Frauen, die es sich leisten können. Ein Mantel aus Somalileopard kann bis zu dreißigtausend Mark kosten. Die Liebe zum Panther erfordert also mehr als nur – Liebe. Aber keine der genannten Damen würde – nur, weil der Zufall es will – sich dem Rat der Mode beugen, wenn dieser Rat nicht auch ihr Interesse begünstigte, sich selbst wohlüberlegt und geschickt ins Bild zu setzen. Es wäre Stümperei, sich von der Mode bedingungslos zwingen zu lassen. Aber es ist ein reizvolles Spiel, sich an Hand der Palette des modischen Vorschlags individuell zu interpretieren: Ein Spiel des originellen Sinnes mit der Konvention. Eine Kraftprobe nach festen Regeln: zwischen dem persönlichen Geschmack und dem, was „man“ tut und trägt.

Sie kleiden sich also in Leopard.

Warum mich das interessiert? Zunächst, weil ich eine Vorliebe für Pantherkatzen habe und es mir darum nicht gleichgültig sein kann, wenn auf einmal alle Welt sich anschickt, meinen Lieblingen das Fell über die Ohren zu ziehen (obwohl ich zugebe, daß auch ein abgezogenes Fell – richtig placiert – eine Augenweide sein kann; ich will nicht unhöflich sein!).

Die Katzen haben es mir angetan. Ich liebe ihre Kraft, die sich so elegant „verhält“. Ich liebe ihre Vorsicht und ihre Angriffslust, ihre sanfte Alarmbereitschaft. Ich mag ihre unergründlichen Augen; ihre behaglich lässige Art, die sich niemals formlos gibt; ihr geschmeidiges Wesen, das auch im langsamen Schritt niemals die Spannung des Sprunges verleugnet; in einer Welt, wo das Geschrei gilt, die Gewalt daherpoltert und jeder mit seinen Krallen protzt, wandeln sie auf weichen Tatzen vorüber wie ein fremdes, vornehmes Gleichnis. Aber ich will nicht sentimental werden; sie haben natürlich auch ihre Schattenseiten. Und ich ziehe – was die großen Katzen betrifft – die distanzierte Bewunderung der traulichen Nähe vor.

Doch zurück zu den Damen, die unter die Pantherhaut schlüpfen. Was mag wohl ihre Vorliebe für Leopard geweckt haben?

Um mich nicht vorzeitig der Poesie verdächtig zu machen, muß ich mich erst ans optisch Augenscheinliche halten. Müßte Schopenhauer dieses Phänomen deuten, so packte er bestimmt die Gelegenheit am Fell, um mit bissiger Feder tintenschwarze Bemerkungen über die Frauenspersonen zu verspritzen. Das sähe dann etwa so aus: „Die weibliche Inkonsequenz verrät sich heute aufs Anschaulichste in dem Hang, sich ein Leopardenfell überzustülpen. Während sie nämlich sonst den Sommersprossen mit Essenzen und Kremen putzwütig zu Leibe rücken, finden sie es unlogischerweise höchst attraktiv, sich eine Tierhaut umzuhängen, die sich durch Sommersprossen in Großformat auszeichnet. Es komme mir keiner und erkläre, der Leopardenpelz sei schließlich aus Tarnungsgründen gefleckt; eine Frau, die sich damit bekleide, zeige also auf diese Weise ihren Sinn für Bescheidenheit. – Ein solches Argument kann man nur als plumpe Finte bezeichnen. Denn wenn auch die Prämisse stimmt, so übersieht doch die Folgerung, daß ein Farbmuster, welches im Dschungel oder in der Steppe unauffällig macht, auf dem Großstadtpflaster genau der gegenteiligen Wirkung dient. Eine Frau in Leopard zieht die Blicke auf sich und stört in verantwortungsloser Eitelkeit den ruhigen Ablauf des Straßenverkehrs.“

Wer nicht vom Vorurteil geblendet ist – zu diesen Bedauernswerten rechnen vermutlich auch die zahlenden Ehemänner –, muß zugeben, daß ein Leopardenfell auch dann noch ungewöhnlich kleidsam ist, wenn der Leopard seinen Platz mit einer Dame getauscht hat. Da der Leopard ein scheues Tier ist, kommt der Glanz seines Pelzes überhaupt erst nach diesem Tausch voll zur Geltung. Der wohlwollende Betrachter könnte also von einer „Arbeitsteilung“ sprechen. Weil das Farbspiel des Leoparden – mit Nacht gemischte Sonnenkringel, ein dekoratives Zwielicht, belebt vom Kontrast – auch der neuen Bewohnerin der Haut nicht gänzlich wesensfremd sein dürfte, hat der „Austausch“ auch unter diesem Aspekt ein gewisses Recht.