Einige Leser haben an mich die Frage gerichtet, wann man die Aktien einer Gesellschaft, die eine Kapitalerhöhung angekündigt hat, am zweckmäßigsten verkauft. Vor oder nach dem Handel des Bezugsrechtes an der Börse? Das Problem ist es sicherlich wert, meine verehrten Leser, ausführlicher diskutiert zu werden. Im übrigen scheint mir jedoch diese Frage typisch für die gegenwärtige Börsensituation zu sein. Rund drei Viertel meiner Leserkorrespondenz dreht sich gegenwärtig um den Verkauf von Aktien. Vor knapp zwei Jahren, als die Kurse beträchtlich höher lagen, wollte darüber niemand etwas wissen, höchstens im Zusammenhang mit den durch den Verkauf von Aktien entstehenden steuerlichen Aspekten. Schnell ändern sich die Zeiten...

Eine Kapitalerhöhung wirft für die Börse zahlreiche Probleme auf. Die einen erweisen sich für den Kurs der Aktie belastend, die anderen anregend. Oftmals heben sie sich in ihrer Wirkung gegenseitig auf. Der Experte muß von Fall zu Fall ergründen, welche Faktoren schließlich das größte Gewicht haben werden. Letzten Endes bleiben seine Überlegungen jedoch immer eine Spekulation, deren Rechnung nicht aufzugehen braucht. Entscheidend ist die jeweilige Marktverfassung, die Beurteilung des kapitalerhöhenden Unternehmens, die Prüfung, inwieweit sein Aktienkurs gerechtfertigt erscheint, und auch die Zusammensetzung der am Unternehmen beteiligten Aktionäre.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die Kapitalerhöhung der Farbwerke Hoechst, die noch in diesem Sommer durchgeführt werden soll. Im Verhältnis 10:1 wird das Kapital von 700 auf 770 Mill. DM aufgestockt. Der Ausgabekurs für die jungen Aktien beträgt 275 %. Der Kapitalaufwand insgesamt macht also 192,5 Mill. DM aus. Nach dem gegenwärtigen Aktienkurs von 505 % stellt sich der rechnerische Bezugsrechtwert auf rund 20 %. Der Aktionär hat sich, sofern er über das notwendige Geld für die auf seinen Anteil entfallenden jungen Aktien verfügt, zu überlegen, ob er eine weitere Investition bei Hoechst für zweckmäßig hält. Er hat dabei nicht nur die Investitionswürdigkeit der Farbwerke Hoechst zu bedenken, sondern auch gleichzeitig zu prüfen, inwieweit sein Wertpapierportefeuille vom Gesichtspunkt der Risikostreuung auch im Gleichgewicht bleibt. Unter der Berücksichtigung der Tatsache, daß die Farbwerke Hoechst zur Zeit mit ihren Aktien in der Nähe des bisherigen Tiefstandes liegen und das Unternehmen eine respektable Ertragsrechnung für 1961 vorgelegt hat sowie unbedingt in der Lage sein wird, auch für 1962 wieder eine Dividende von 18 % für 1962 zu erwirtschaften, bestehen gegen den Bezug junger Hoechster Aktien wohl keine Bedenken. Es sei denn, man beurteilt die gesamte Situation am deutschen Aktienmarkt pessimistisch und rechnet mit neuen Kursrückschlägen. Ist das der Fall, so muß man sich konsequenterweise von seinem gesamten Aktienbesitz trennen.

Da die Meinungen über die künftige Kursentwicklung geteilt sind und zahlreiche Kleinaktionäre nach der Baisse-Bewegung der vergangenen Monate ihre Freude am Aktiensparen verloren haben, kann man nicht damit rechnen, daß ein besonders hoher Prozentsatz der bisherigen Aktionäre junge Aktien beziehen wird. Der hohe Bezugskurs übt schließlich keine werbende Wirkung aus. Nach den Erfahrungen, die man bei der Kapitalerhöhung der Farbenfabriken Bayer sammeln konnte, wird das Angebot an Bezugsrechten nicht gering sein. Ein besonderes Fragezeichen bleibt das Verhalten der ausländischen Aktionäre, von denen man im voraus nie sagen kann, wie sie sich bei der Kapitalerhöhung eines deutschen Unternehmens verhalten werden.

Ist das Angebot an Bezugsrechten größer als die Nachfrage, dann gibt es für die Bank, welche die Kapitalerhhöung technisch durchführt, mehrere Möglichkeiten, den Markt in Ordnung zu bekommen. Entweder sie überläßt ihn dem freien Spiel der Kräfte. Dann kann es sein, daß das Bezugsrecht weit unterhalb der rechnerischen Parität notiert werden wird. Auf diese Weise werden dann die jungen Aktien sehr viel preiswerter als die alten, so daß für sie ein Kaufanreiz geschaffen wird. Die Folge ist natürlich eine Tauschwelle alte Aktien gegen junge, wodurch der Kurs der alten Aktien schließlich auch unter Druck gerät. Nach wenigen Tagen ergibt sich wieder eine angemessene Relation zwischen alten und jungen Aktien. Vielfach ist in letzter Zeit aber auch so operiert worden, daß man den Kurs der alten Aktien vor dem Bezugsrechthandel kräftig gedrückt und ihn so billig gemacht hat, daß er Kaufreize ausübte. Dann konnte man das Bezugsrecht ohne Schwierigkeiten paritätisch notieren. Eine dritte Möglichkeit liegt in der „aktiven Kurspflege“. Das Bankenkonsortium nimmt dann die auf paritätischer Basis nicht absetzbaren Bezugsrechte selbst auf und verkauft die jungen Aktien erst später, wenn die Marktlage wieder günstiger geworden ist. Das erscheint für den Aktionär auf den ersten Blick als am angenehmsten. Doch muß er wissen, daß die spätere Aufwärtsbewegung des Kurses durch stetige Sättigung des Marktes aus den Bankenportefeuilles gebremst wird. Einwandfrei, günstig wirkt sich die aktive Kurspflege nur für den Verkäufer von Bezugsrechten aus.

Wie sich nun die Banken im Falle Hoechst verhalten werden, kann man im voraus nicht wissen. Niemand ist so töricht, die Pläne offen auf den Tisch zu legen. Ich meine aber, daß man in der heutigen Zeit nicht damit rechnen kann, daß der Bezugsrechtabschlag in relativ kurzer Zeit voll oder teilweise wieder aufgeholt wird. Das ist in der jüngsten Vergangenheit nur bei wenigen Gesellschaften so gewesen. Wer die Absicht hat, seine Hoechster Aktien zu verkaufen, sollte sich deshalb einen günstigen Börsentag der nahen Zukunft aussuchen. Viele Leute verkaufen heute sogar lieber vor dem Dividendenabschlag als nachher, weil die Dividende als Einkommen zu versteuern ist, während ein Aktienverkauf nur dann steuerliche Nachteile hat, wenn ein steuerpflichtiger Kursgewinn entstanden ist. Das wird in der Gegenwart aber nur schwerlich der Fall sein.

Natürlich ist es theoretisch denkbar, daß wir in einem Monat oder später bessere Aktienkurse haben werden als heute. Aber es kann auch umgekehrt sein. Wer Aktien verkaufen muß, darf nicht bis zum letzten Augenblick warten. Sonst läuft er Gefahr, sich unter Umständen zu noch weitaus schlechteren Kursen als jetzt von seinen Papieren trennen zu müssen. Heute hat er noch Handlungsfreiheit, später vielleicht nicht mehr.