Noch kann die Anklage nicht mit harten Beweisen aufwarten

München

Die Wetten stehen 50:50. Wird Sylvia, die Tochter der wegen Anstiftung zum Mord ingeklagten Lebedame Vera Brühne am nächsten Montag im Gerichtssaal erscheinen? Die Aussige der 19jährigen könnte der Höhepunkt des Mordprozeses werden, der nun seit zwei Wochen vor dem Münchner Schwurgericht läuft. Vera Brühne und der Kölner Mechaniker Hans Ferbach sind des Mordes an dem Münchner Arzt Dr. Otto Praun und dessen Freundin Elfriede Kloo angeklagt.

Die Frauen hassen sie

Was diesen Prozeß aus den übrigen Verfahren heraushebt, ist unter anderem die Tatsache, daß es keine harten Beweise gibt. Gewiß, die bisher aufgetretenen Zeugen haben von der gutaussehenden Vera Brühne ein düsteres Charakterbild entworfen, das die vielfach bis zum Haß gesteigerte Abneigung erklärt, die ihr besonders von den weiblichen Zuhörern im Gerichtssaal entgegengebracht wird. Aber selbst dieses höchst unerfreuliche Charakterbild kann dem Gericht noch keine Handhabe bieten, sie zu verurteilen. Denn an Tatbeweisen haben die vielen Zeugen noch nichts liefern können.

Wohl gibt es „psychologische Indizien“ in Unzahl, aber noch hat niemand bezeugen können, daß Vera Brühne ihren Komplicen aus Habgier zum Mord an dem vermögenden Arzt und dessen Freundin angestiftet hat. Es ging um ein Millionenobjekt, ein Grundstück in Spanien, das Praun Vera Brühne testamentarisch vermacht hatte – allerdings nicht nur ihr allein.

Die Statsanwaltschaft leitet das Mordmotiv von der Behauptung ab, Praun habe diesen Besitz verkaufen wollen. Wäre es dazu gekommen, hätte Vera Brühne das Erbe verloren. Deshalb habe sie den Mordplan ausgeheckt. Aber nicht einmal dieses Motiv ist bislang bewiesen. Denn, ob die Absichten, die Praun vor seinem Tode geäußert haben soll, ernst gemeint waren, darüber wurden in den ersten Verhandlungswochen so widersprüchliche Äußerungen gemacht, daß es dem Gericht schwerfallen wird, volle Klarheit zu gewinnen. Daß nüchternes und berechnendes Kalkül und auch Intrigen, Lüge und Täuschungen oft das Handeln Vera Brühnes bestimmten, mag als Tatsache hingenommen werden können. Daß jedoch diese Frau eine Mörderin ist, wurde bislang nicht bewiesen.