Die wenigsten würden glauben, daß es in diesen Tagen hundert Jahre her ist, daß das Wort „abrüsten“ in die deutsche Sprache kam. Sucht man es im 1856 erschienenen ersten Band des Grimmschen Wörterbuches, so findet man dort nur die Erklärung „ein Gerüst abbrechen, gegenüber dem Aufrüsten“.

Die heute geläufige Bedeutung fehlt, weil das Wort erst 1862 von dem damaligen Modeschriftsteller Paul Lindau „nach längerem Nachdenken“, wie er später versichert hat, als Verdeutschung für das französische desarmer vorgeschlagen worden sein soll. Jedenfalls entstand das Wort in dieser Zeit.

Die Zeitungen griffen es sogleich auf und sorgten für seine rasche Verbreitung. Wir wollen dem heute vergessenen Paul Lindau seinen Ruhm lassen – in diesem Wort hat er sein einziges unvergängliches Werk geschaffen. Bismarck soll über seinen Verdeutschungsvorschlag so erfreut gewesen sein, daß er dem Schöpfer seine Anerkennung aussprechen und später noch die Werke Friedrichs des Großen schenken ließ.

Freilich, in den vergangenen hundert Jahren hat das politische Geschehen so weltumspannende Formen angenommen, daß uns die Sorge um einen „guten deutschen Ausdruck“ etwas rückständig erscheinen muß – zumal, wenn man sich bewußt ist, daß dort, wo heute die Weltpolitik ihre entscheidende Prägung erhält, nicht deutsch gesprochen wird.

Auch will es scheinen, als habe das Wort bisher weder Aufrüstungen noch Kriege verhindert. So verhängnisvolle Daten wie 1870/71, 1914/18 und 1939/45 liegen jedenfalls alle nach seiner Erfindung.

Dennoch mag das Beispiel „abrüsten“ auch heute noch geeignet sein, daran zu erinnern, wie wertvoll und gar nicht selbstverständlich es ist, über die lebenswichtigen Probleme unserer Zeit mit eindeutigen Worten reden zu können.

Aber läßt gerade in dieser Hinsicht die heutige Auseinandersetzung um Fragen der Abrüstung nicht vieles zu wünschen übrig? Oft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als müsse das Wort „abrüsten“ dazu herhalten, gegenteilige Absichten zu verbergen. Oder zumindest verbindet sich soviel Mißtrauen mit diesem Begriff, daß er zur Verdeutlichung adjektivischer Zusätze wie kontrollierbar, stufenweise, vollständig oder total bedarf.

Karl-Heinz Daniels