RF, Paris, im Mai

General de Gaulle trat vor die Journalisten – zum ersten Male in diesem Jahr. Diese Pressekonferenz war ganz offenbar vom Willen geprägt, neue politische Horizonte aufzuzeigen. Nicht von den inneren Erschütterungen Frankreichs war die Rede, obwohl der Prozeß Salan knapp zwei Stunden vorher in Paris begonnen hatte; auch die sozialen Reibungen fanden keine Erwähnung, die doch gerade an diesem Tage die französische Wirtschaft durch Streiks nahezu lahmlegte. Das Problem Algerien, wo der Bürgerkrieg blutiger tobt als je zuvor, streifte der General nur von fern.

Europa, die NATO, die Deutschlandfrage, die Abrüstung, die Zukunft der französischen Armee, die französischen Beziehungen zu den arabischen und afrikanischen Staaten – das waren de Gaulles Themen. Zu keinem sagte er allerdings grundsätzlich Neues. Neu waren höchstens einige verblüffende Formulierungen und Schlagworte. Wenn sich die öffentliche Meinung von der überraschenden Offenbarung de Gaulles, er habe nie vom Europa der Vaterländer gesprochen, erholt hat, wird sie ebenso überrascht feststellen, daß dieser summarische Begriff lediglich von der Umschreibung „Europa der Staaten“ ersetzt worden ist. De Gaulle hat für denselben Münzwert nur eine neue Prägung gefunden. Seine Europadevise lautet:„Damit beginnen, die Gewohnheit gemeinsamen Handelns und Lebens anzunehmen.“

Der Tenor aller Überlegungen ist jedoch der Grundsatz, daß Frankreich unter allen Umständen sein Schicksal selber bestimmen können muß, wenn auch möglichst im Rahmen seiner internationalen Verpflichtungen und Bündnisse. Dies bedeutet nach wie vor die Schaffung einer eigenen atomaren Schlagkraft, die zwar für die NATO keinen militärischen Kräftezuwachs bedeutet, sondern lediglich die Eigenständigkeit Frankreichs untermauert. An dieser Eigenständigkeit soll sich nichts ändern, auch nicht durch den Einbau Frankreichs in ein europäisches Sechseck.