In Berlin siegten die Athleten, nicht die Orthodoxen

Das deutsche Fußball-Endspiel übertrifft an Resonanz von jeher jedes andere Sportereignis. Es fragt sich nur, wo sich die Sportanteilnahme künftig „entladen“ soll. Bald nämlich wird es kein Endspiel mehr geben: der deutsche Fußball muß sein großes Finale der Bundesliga opfern, wenn er sie haben will. Und weil der Deutsche Fußball-Bund jüngst wieder ein paar zaghafte Schrittchen in Richtung Bundesligagemacht hat, wird das Endspiel in Berlin eines der letzten gewesen sein, die Auguren tippen: das vorletzte!

Es fand in Berlin statt, und das war gut so! Der DFB hatte ein kleines Wagnis unternommen; denn das Berliner Publikum läßt sich nicht fest in eine Rechnung einplanen, wie beispielsweise das hannoveranische, das sein Niedersachsenstadion selbst dann noch bis auf den letzten Platz füllen würde, wenn das Endspiel dort zum zehnten Male hintereinander stattfände. Vor dem 13. August 1961 waren dem DFB zwischen zehn- und zwanzigtausend Besucher aus dem Ostsektor sicher. Wer sollte nun diese Lücken füllen?

Die Lücken füllten sich – wenn es sich auch zeigte, daß das Wirtschaftswunder vor dem Fußball nicht haltmacht: die teuren Karten gingen restlos weg, die Nachfrage war größer als das Angebot. Die billigen Stehplatzkarten hingegen fanden nur einen schleppenden Absatz; wären sie teurer gewesen und hätten die Stehplätze noch rasch in Sitzgelegenheiten verwandelt werden können – es wäre keine einzige Karte übriggeblieben. So ist es: Der Verbraucher greift zum Besseren, zum Teureren – auch im Fußball.

Gleichwohl: Der DFB ist nicht enttäuscht worden. Es kamen annähernd 90 000 Menschen ins Stadion; wo früher die Ostberliner gestanden und gesessen hatten, waren diesmal die Westberliner nachgerückt. Die Ehrenloge zierten nicht weniger als drei Bundesminister, der „Regierende“ war da und die drei westlichen Stadtkommandanten; es war beinahe alles so wie früher.

Die Berliner kosteten es aus, bei diesem Endspiel objektive Dritte sein zu können. Dieses Publikum ist ohnehin recht kritisch und nur schwer zu gewinnen, das weiß man nicht nur vom Fußball. Hier im Olympiastadion wurde das große Behagen rundum spürbar, die Huld erst nach ausgiebigem Werben zu verschenken. Zwanzig Minuten lang ließen sich die Berliner Zeit, dann hatten sie sich entschlossen: der 1. FC Köln bekam die Palme. Und da den Berlinern noch nie mangelnde Fixigkeit hat nachgewiesen werden können, kürten sie flugs die Mannschaft vom Rhein zum Meister, noch ehe die erste Halbzeit vorüber war.

Freilich hatten die Kölner diese Gunst auch verdient. Sie spielten gleichsam stromlinienförmigen Fußball: glatt, glitzernd und schnell. Im Vergleich dazu war das Nürnberger Tun altfränkischer Barock: behäbig, hölzern und orthodox.