Von Josef Müller-Marein

Paris, Mitte Mai

Dasselbe Gericht, das vor einem Monat den Ex-General Jouhaud, den Stellvertretenden Führer der OAS, zum Tode verurteilte, begann am Dienstagmittag den Prozeß gegen den Gründer und Chef der Organisation Armee Secrete, den Ex-General Raoul Salan. Im selben holzgetäfelten Saal warteten 300 Journalisten, 100 eingeladene Rechtsanwälte und ein Häuflein Publikum. Sie warteten darauf, daß Salan reden werde. Der Präsident Bornet forderte ihn nach der Tradition auf, sich zu erheben und seinen Namen zu nennen. "Raoul Salan, Ex-General der Armee, Militär-Medaille, Großkreuz der Ehrenlegion, Kreuz der Liberation." Das war alles, was Salan sagte. Übrigens betonte er die Vorsilbe "Ex". Von da ab schwieg Salan.

Diesmal war alles noch gründlicher vorbereitet als bei dem Jouhaud-Prozeß. Die Sainte Chapelle neben dem Justizplatz durfte von Touristen an diesem Tage nicht besichtigt werden. Autofahrer durften in weitem Umkreis nicht parken. Auf den Dächern wachten Polizisten mit Maschinengewehren. Drei Sperren waren zu überwinden. Die Polizisten verglichen die Ausweise mit Eintragungen in vorbereiteten Listen. Und die Leibesvisitation wurde noch ein wenig sorgfältiger vorgenommen. Drinnen aber fand jeder einen Platz mit seinem Namensschild vor. Und so ordnete sich das Gedränge rasch.

Aber kurz nach zwei Uhr – eine volle Stunde hatte das Gericht bereits getagt – entstand Unruhe, weil viele Zeitungsleute zum Ausgang drängten. Sie wollten ins Elysée, zur Pressekonferenz de Gaulles. Bis dahin war es unentwegt ein Husten und Hüsteln, ein Papierblättern, ein leises Getuschel, ein unterdrücktes Gähnen gewesen, mit einem Wort: eine einzige Langeweile.

Denn während Salan beharrlich schwieg (wie er auch vor dem Untersuchungsrichter und wie schon Pétain vor seinem Gericht geschwiegen hatte), stellten die Verteidiger das Recht der Richter in Frage. Das begann mit dem Versuch des Rechtsanwalts Le Corroller, den Staatsrat und Botschafter a. D. Hoppenot abzulehnen. – Der Präsident: "Sie lehnen ihn als befangen ab?" – Der Rechtsanwalt: "Nein, nicht als befangen. Wir brauchen ihn als Zeugen. Er weiß viel." Worauf Hoppenot erklärte, er habe als Zeuge nichts auszusagen, er wolle Richter bleiben. Später prangerte Rechtsanwalt Tixier-Vignancour wortreich und im gepflegten Bariton die Tatsache an, daß es sich um ein hohes Militärgericht handele, ins Leben gerufen während der Epoche, da sich der Staatspräsident des berühmten Notstands-Paragraphen 16 bediente, auf dessen Anwendung er mittlerweile verzichtet hat. Da sei doch wohl zugleich mit dem Paragraphen auch dieses Militärgericht erledigt!

Tixier-Vignancour geriet in Wortstreit mit dem temperamentvollen Generalstaatsanwalt Gavanda, der – wie der Präsident – den weißen prunkvollen Hermelin trägt. Und Tixier erregte sich bei alledem derart, daß er die Zuhörer an seine Auftritte als rechtsradikaler Abgeordneter im Parlament erinnert und das Lächeln des Staatsanwalts und der Journalisten hervorrief. (Die Journalisten sind deshalb erwähnenswert, weil sie weitaus den größten Teil des Saales besetzten.) Er arbeitete mit beschwörenden Gesten und Körperverrenkungen wie ein Zauberer im Vorstadtkabarett, der ein schwarzes Tuch umkreist, aus dem schließlich tatsächlich ein Kaninchen hervorkriecht. Welches Geheimnis jüngster französischer Geschichte mag unter dem schwarzen Tuch gehütet werden?