In der vergangenen Woche haben sich die negativ auf die Börse einwirkenden Börsenfaktoren summiert. Es kam auf breiter Front zu kräftigen Rückschlägen, die das Kursniveau auf einen neuen Tiefstand drückten. Diesmal war die Börsenbaisse jedoch weltweit. Sie nahm ihren Ausgang von Wall Street, wo ein ungewöhnlicher Kursrückgang eintrat. Sicherlich spielte hierfür u. a. die Kriegsgefahr in Laos eine Rolle. Aber sie war vermutlich weniger ausschlaggebend als die Erkenntnis, daß die im vergangenen Jahr noch gehegten Hoffnungen auf eine nachhaltige Belebung der amerikanischen Wirtschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu weit gesteckt waren. Es gibt zwar auch in den USA eine Frühjahrsbelebung, aber sie ist weniger kräftig, als man erwartet hatte. Die Kurse amerikanischer Aktien waren auf ein nachhaltiges "Wachstum" abgestellt. Jetzt müssen sie mit der Wirklichkeit in Übereinklang gebracht werden. Einige US-Investment-Gesellschaften geben offen zu, ihre bisherige Anlagepolitik revidieren zu müssen. Wenn dann noch gleichzeitig so etwas wie eine politische Verstimmung zwischen Bonn und Washington besteht, so darf man sich nicht wundern, wenn sich die Amerikaner recht leichten Herzens auch von deutschen Aktien trennten, die ebenfalls – in ihren Augen – nicht das gehalten haben, was sie sich einstmals von ihnen versprachen. Überall in der Welt ist man der Meinung, daß das deutsche Wirtschaftswunder nunmehr beendet ist. Wir sind zwar noch nicht in die sieben mageren Jahre eingetreten, aber in den Bilanzen für 1961 ist bereits eine Abmagerung der Gewinne sichtbar. Sie wird sich, das kann man heute schon mit einiger Gewißheit sagen, im laufenden Jahr noch fortsetzen.

Was nutzt dem Aktiensparer die schönste Vollbeschäftigung, wenn die Gewinne immer weiter von den steigenden Lohnkosten aufgezehrt werden? Zwar wird niemand behaupten können, daß die Lage schon bedrohlich geworden ist. In den meisten Unternehmen wird noch gut verdient. Doch diese Feststellung reicht heute nicht mehr aus, um jemanden zum Kauf von Aktien zu "verleiten". Der Hinweis, daß das jetzt erreichte Niveau – verglichen mit den Höchstkursen des Jahres 1960 und in Beziehung gesetzt mit den Kursen ausländischer Aktien – "niedrig" ist, zieht nicht mehr. Er ist in letzter Zeit zu oft strapaziert worden. Der Aktienkäufer von heute will sehen, daß es in der Wirtschaft und bei den Unternehmen wieder aufwärts geht und er will Sicherheit, daß ihm ein gerechter Anteil an der Umsatzsteigerung verbleibt. Und in dieser Hinsicht gibt es leider zu viele Fehlanzeigen,

Die Kursverluste hätten um die Wochenwende herum sicherlich ein noch stärkeres Ausmaß angenommen, wenn nicht die Banken zu Interventionen geschritten wären. Das war notwendig, weil sich der aus inländischen Sparerkreisen stammende Anteil an Aktienverkäufen lawinenartig zu vergrößern begann. Außerdem hatte die Baisse-Spekulation wieder Oberwasser bekommen, die offenbar noch mit weiteren Kursrückgängen rechnet. Ob ihre Rechnung aufgeht, hängt hauptsächlich von der weiteren politischen Entwicklung ab. Es wird möglich sein, das inländische Angebot durch Stützungskäufe aufzufangen. Bei einem massierten Angebot aus dem Ausland besteht dagegen die Gefahr weiterer empfindlicher Rückschläge. Niemand ist in der Bundesrepublik geneigt, den verkaufenden Ausländern gestützte Kurse anzubieten! Kurt Wendt