Stirling Moss, der beste Rennfahrer der Welt, hat wieder einmal einen schweren Unfall überlebt.

Noch ist nicht entschieden, ob er je wieder die Heldenrolle übernehmen kann, die ihm die Legendenbildung im Massenzeitalter zugedacht hat. Die Rolle des furchtlosen Ritters am Volant, des Ritters gegen Tod und Teufel, der, wie einst die römischen Wagenlenker ihre Quadrigen, heute zum Superman geworden auch die Hunderte von Pferdestärken lenkt und den auch die Tücke der Technik, wenn sie entfesselt, vielleicht verwunden, aber nicht vernichten kann.

Am Ostermontag kam der Lotuswagen von Moss bei einer Geschwindigkeit von annähernd 200 Kilometern pro Stunde ins Schleudern, flog aus der Bahn und schlug auf einer Böschung auf. Durch die Gewalt des Aufpralls wurde der Rennwagen zertrümmert. Sein Fahrer, bewußtlos und blutüberströmt, war derart in das Wrack des Wagens eingekeilt, daß er herausgeschweißt werden mußte. Erst nach einer halben Stunde konnte der Schwerverletzte befreit und in das Atkinson-Morley-Hospital transportiert werden. Dort lag er mehrere Tage in tiefer Ohnmacht und rang mit dem Tode, den er noch einmal besiegte – aber um welchen Preis!

Die Verletzung des Gehirns war so schwer, daß wichtige Zentren in der rechten vorderen Zentralwindung derart beschädigt wurden, daß eine linksseitige Lähmung von Arm und Bein auftrat. Die Lähmung tritt deshalb auf der entgegengesetzten Seite der Gehirnläsion auf, weil die Pyramidenbahn, in der die Impulse vom motorischen Rindenfeld zu der Arm- und Beinmuskulatur geleitet werden, in Höhe des verlängerten Markes auf die Gegenseite kreuzt.

Im Augenblick vermögen auch die Ärzte noch nicht mit Sicherheit vorherzusagen, ob die noch bestehenden Reste der Lähmungserscheinungen völlig verschwinden werden oder nicht.

Es gibt im Sport mehrere Beispiele dafür, daß auch nach schweren Lähmungen eine völlige Wiederherstellung des Leistungsvermögens erreicht wurde. Freiherr von Langen erlitt im Ersten Weltkrieg eine sogenannte Querschnittslähmung durch eine Rückenmarksverletzung, die sich so völlig zurückbildete, daß er 1928 in Amsterdam die Goldmedaille in der Großen Dressurprüfung erringen konnte. Es gibt auch schon mehrere Fälle, wo nach überstandener Kinderlähmung sportliche Höchstleistungen erzielt werden konnten. Die dänische Reiterin Lis Härtel zum Beispiel trotzte ihrem widrigen Geschick und konnte 1952 in Helsinki ebenfalls in der Dressur die Silbermedaille gewinnen.

In erster Linie hängt es bei jüngeren Menschen natürlich von der Schwere der Gehirn- oder Rückenmarkschädigung ab, ob eine völlige Rückbildung der Ausfallserscheinungen möglich ist. Bei einem Unfall, wie ihn jetzt Moss erlitt, treten so ungeheure Bremskräfte auf, die den Körper des Fahrers meistens gegen die Wagenwände schleudern, daß die Chance, mit dem Leben davonzukommen, relativ gering ist. Die Bremswirkung, die ebenso wie die Beschleunigung in G, das heißt = Erdbeschleunigung beim freien Fall = rund 10 Meter je Sekunde angegeben wird, geht dann in die Hunderte von G.