Traditionsgemäß stand am Beginn der diesjährigen Festspiele in Schwetzingen wieder eine Opern-Uraufführung. Nach Egk, Wimberger und Henze war diesmal Wolfgang Fortner an der Reihe. In Erfüllung eines Kompositionsauftrages des Süddeutschen Rundfunks hatte er wieder ein Stück großer Literatur zum Libretto gewählt und, wie bereits bei der „Bluthochzeit“, sein Vertrauen in die Theaterwirksamkeit des Federico Garcia Lorca gesetzt.

Es ist die Frage, ob der Griff nach den „vier Bildern eines erotischen Bilderbogens in der Art eines Kammerspiels“ sehr glücklich war. Das hintergründig heiter-traurige Spiel mit dem ebenso umständlichen wie poetischen Titel „In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa“ erforderte eigentlich einen modernen Mozart, um es musikalisch auszuschöpfen oder gar zu überhöhen.

Zunächst die Handlung: Don Perlimplin, der edle Hagestolz, läßt sich überreden, die blutjunge Beiisa zu heiraten. Sie ist nichts als begehrlicher Körper, er nichts als verehrende Seele. Seine Empörung über ihre ungenierte Untreue macht bald verstehender Weisheit Platz, sein Schmerz der Enttäuschung sublimiert sich zum Heroismus. Don Perlimplin schlüpft in die Rolle eines „feurigen Jünglings“, eines unbekannten Liebhabers, und gibt sich der Gattin erst mit dem eigenen Dolch in der Brust zu erkennen: Er hat zugleich seine Ehre gerächt, den „Nebenbuhler“ beseitigt, dem jungen Weibe die Freiheit und durch sein sie erschütterndes Liebesopfer eine Seele gegeben.

Die Oper gibt ein anderes Bild. Der Perlimplin aus zweiter Hand wirkt nicht wie ein reifer Mann von adeliger Seele, sondern wie ein hilfloser Trottel, der partout mit Frauen nichts anzufangen weiß und, wenn er es wüßte, nicht mehr könnte. Er hat von Anfang an den Habitus der tragischen Figur, aber in der Nuance des grundsätzlich Leidenden, die seinen heroischen Phantasiestreich nachher unerklärlich macht. Von der erotischen Farce, die noch bis kurz vor der Katastrophe mit Lustspieleffekten jongliert, von Lopes Geist, von „dauernder Vermischung der Gegensätze Lyrik und Groteske“ bleibt nicht viel übrig.

Ich glaube, der kleine Radius der Möglichkeit von Ausdrucksvarianten in der Reihentechnik gestattete es dem Musiker nicht, sich auf die Vielschichtigkeit der Dichtung einzulassen. Der Unterschied im Bewegungscharakter zwischen den Intervallsprüngen, die das Klangbild ohnehin überwiegend bestimmen, und denen der Koloratur ist nicht mehr „ohrenfällig“ genug, um den Eindruck wirksamer Kontraste zwischen „ernster“ und „heiterer“ oder auch nur „ironischer“ und „grotesker“ Musik zu erwecken. Hier hätte es eines beständigen Schillerns zwischen allen funkelnden und dunkelnden Beredsamkeiten der Musik bedurft – eben: Mozartschen Musikesprits.

Um die Lichtseiten der Partitur nicht zu verschweigen, nennen wir gewisse Stimmungsreize, die von einigen Chorsätzen, von der zweiten Canzone der Beiisa, von gelegentlichen Instrumentalfarben und von dem knappen Orchestervorspiel des zweiten Aktes ausgehen. Natürlich ist alles perfekt „gekonnt“, wie man heute sagt, wo man lieber sagen würde, es sei „geschaffen“.

Eine illustre Aufführung durch die Kölner Oper unter Wolfgang Sawallisch und Oscar Fritz Schuh mit den Solisten Ernst Gutstein (Don Perlimplin), Lia Montoya (Beiisa), Maria Kallitsi (Mutter), Helen Raab (Marcoifa), Hannelore Lübeck und Sheila Braidesch (Kobolde) brachte dem Komponisten in der engsten Nachbarschaft seines dreißigjährigen Wirkens zum Schluß lebhafte Sympathiekundgebungen und viele „Vorhänge“.

Walter Abendroth