England ist meines Wissens das einzige Kulturland, wo der Kunde beim Kauf in einem Geschäft niemals recht hat. Ich kenne allerdings wenige Kulturländer und bin nicht einmal ganz sicher, was das ist. Irgend etwas hat es auch mit Angebot und Nachfrage zu tun, mit dem Niveau dessen, wonach gefragt wird; mit der Qualität, durch die sich dieser Bedarf decken läßt, und mit der Regungslosigkeit solchen Austausches. Auf das dritte Merkmal, die Regungslosigkeit beim Kauf und Verkauf, wird in England das meiste Gewicht gelegt. Hier hat der Kunde nicht nur niemals recht, er weiß nicht einmal, daß er ein Recht als Käufer hat, und wenn er es weiß, wird er sich hüten, auf seinem Recht zu bestehen. Denn dann gäbe es eine Auseinandersetzung, und das ist nicht landesüblich. Außerdem erforderte es eine Anstrengung.

Bezeichnend ist schon die Formel, mit der sich der englische Verkäufer – meist ein Mädchen – nach den Wünschen des Käufers erkundigt. „Erkundigt“ ist vielleicht etwas übertrieben, denn das setzt ein gewisses Interesse voraus. Lange bevor das Dienen und Bedienen aus der sozialen Mode kam, lange bevor sich Scheuerfrauen in Raumpflegerinnen verwandelten und man von den ersten Kellnerinnen betreut wurde, war die Frage „Werden Sie schon bedient?“ in England abgeschafft. Die Formel lautet seit alters her: Can I help you? „Kann ich Ihnen helfen?“ (Mit dem ungesprochenen Zusatz: „Sie armes Luder.“) Die naheliegende Antwort: „Sie? Mir?“ wird niemals erteilt, nicht aus Höflichkeit, sondern weil die Verkaufskraft sie einfach nicht verstehen würde.

Denn das ist eine der Hauptregeln in englischen Geschäften: Nur nichts verlangen, was die Verkaufskraft nicht erwartet. Wenn man, sagen wir, in eine Drogerie geht, wirft das Mädchen einen Blick auf den Kunden – nicht gleich, natürlich, denn sie ist im Gespräch mit der Kollegin begriffen, oder sie ist in gar nichts begriffen, aber erst muß die seit der Normannenzeit eingeführte Wartepause verstreichen; dann streik sie den Kunden mit einem Blick und denkt sich: Der alte Knacker hat sich einen Schnupfen geholt und will Papiertaschentücher! Verlangt man dann ein Fläschchen Juchten, greift sie automatisch nach einer größeren Packung Papiertaschentücher. Man tut am besten, sie zu kaufen, in eine andere Drogerie zu gehen und Papiertaschentücher zu verlangen. Dann bekommt man sein Juchten. Aber es schickt sich einfach nicht, einer Verkäuferin begreiflich zu machen, daß sie einem etwas anderes gegeben hat, als man verlangte. Man kann es ihr auch nicht begreiflich machen.

Übrigens darf sich der Käufer nicht schmeicheln, daß er immer gefragt wird, ob ihm zu helfen sei. Viele Verkäuferinnen ersparen sich die Frage, indem sie nur das Kinn mit einem Ruck gegen den Kunden vorstoßen. Ich kenne diese Gebärde sonst nur in der Bedeutung: „Na, wie wär’s mit uns beiden?, aber hier heißt sie: „Werden Sie schon bedient?“ Ich helfe mir meist, indem ich das Kinn meinerseits gegen die Verkäuferin vorstoße, und bekomme dann sofort Papiertaschentücher.

Dabei ist eine Drogerie noch eine verhältnismäßig simple Kulturerscheinung, wenngleich es viel leichter sein dürfte, einen Picasso aus der rosa Periode zu kaufen oder einen Kernreaktor. Aber ich kann einfach kein Buch in einem englischen Laden kaufen. Ich nehme getrost Rasierklingen statt Baldriantropfen; ich höre mir den „Lohengrin“ an, wiewohl ich ausdrücklich Karten für „Aida“ bestellt habe. Aber mit dem letzten Roman von Graham Greene kann ich nichts anfangen, wenn ich einen Leitfaden der Trigonometrie brauche, der mich weniger langweilt.

Da wollte ich vor einer Weile den neuen Roman von Kingsley Amis kaufen; er heißt „I like it here“ („Hier gefällt’s mir“). Es war eine Katastrophe – womit ich weniger das Buch meine als das Kaufen. Ich ging in die größte Londoner Buchhandlung, die sich für die größte der Welt hält, und verlangte „Hier gefällt’s mir“.

Das Mädchen kicherte erfreut. Zwei Kollegin- . nen von ihm kamen herbei und fragten, warum.