Von Günter Blöcker

Das junge Talent, das alles kann, noch ehe es etwas ist, bestimmt das Bild der deutschen Literatur von heute. Nicht reaktionäre Verstocktheit oder professionelles Nörglertum ist es, was den Betrachter zur Skepsis anhält, sondern die überall zu beobachtende Diskrepanz zwischen der Frühfertigkeit der Mittel, zwischen der Glätte und kühlen Routiniertheit der Machart und dem geringen spezifischen Gewicht der dichterischen Person, ihrem Mangel an Seinsschwere, an Leidensfähigkeit und Leidensbereitschaft, an Geneigtheit zur Identifikation und zum inneren Engagement. Ungerührte Servierer, die ihr Eigenes darreichen, als sei’s kein Stück von ihnen. Eine Literatur der Pokergesichter, so sehr auf Verhüllung bedacht, daß es schwerfällt, zu glauben, daß da überhaupt etwas zu verhüllen ist.

Jedes Buch, das von diesem Klischee eines Höchstmaßes an Kalkulation bei einem Minimum an verfügbarer Substanz abweicht, muß willkommen geheißen werden, wie mißglückt es im übrigen auch sein mag. Es ist das Vorrecht eines ersten Versuchs, zuviel zu wollen und eben deshalb zu scheitern. Solches Scheitern will uns ehrenvoller erscheinen als das Geizen mit sich selbst oder die verkniffene Vernünftigkeit einer manipulierten Schmalspuroriginalität. Über Talent braucht nicht geredet zu werden – es ist Voraussetzung. Die Frage ist immer, welchen Einsatz ein Talent wagt, welchen Zerreißproben es sich – jenseits der Erwägungen eines smarten Selbst-Managements – auszusetzen bereit ist.

In diesem Sinne darf der hier anzuzeigende Erstlingsroman von

Ernst Augustin: „Der Kopf“; R. Piper & Co Verlag, München; 424 S., 19,80 DM

als eine Besonderheit gelten. Ernst Augustin, ein Fünfunddreißigjähriger, der sich im Leben umgetan hat, ehe er zur Feder griff, hätte sich’s leicht machen können. Er hat die Welt bereist, war Arzt in Pakistan und Afghanistan, wo er ein Wüstenkrankenhaus leitete und wo er diesen Roman zu schreiben begann. Erfahrung, Weltstoff, Erzählmaterial stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine prägnante Darstellungsgabe und ein durchaus plastisch-realistisches Schilderungstalent. Die Romane, die einem Schriftsteller mit diesen Voraussetzungen aus der Feder fließen müßten, kann man sich unschwer vorstellen. Doch Augustin scheint – vorerst – entschlossen, sie nicht zu schreiben. Er unterwirft sein Talent einem Totalanspruch, der es – ebenfalls vorerst – an den Rand des Ruins führt.

Dieser Totalanspruch zielt auf die Einbeziehung einer zweiten Wirklichkeit in den Bereich des gegenständlichen Erzählens, ja darauf, diese zweite Wirklichkeit, nämlich die unserer inneren Vorstellungen, unserer Hirngespinste und Tagträume, zum eigentlichen Schauplatz des Romans zu machen. Man kann fragen: was hat Kafka anderes getan? Doch Kafka hat aus dem Stoff seiner (und unserer) Ängste eine dritte Wirklichkeit errichtet, deren Objektivität nie in Frage gestellt wird, während Augustin auf den subjektiven Aspekt, die persönliche Bedingtheit der geschilderten Überwirklichkeit, Wert legt. Er präsentiert uns zunächst, wenn auch allzu beiläufig, einen konkreten Helden, den Versicherungsbeamten Türmann, dessen Phantasien dann den Inhalt des Romans ausmachen. Der Kopf des Helden ist, wie schon der Titel zu verstehen gibt, die Bühne des Geschehens.