Aus der sozialen Verpflichtung darf kein sozialer Dirigismus werden

Von Wolfgang Krüger

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Alwin Münchmeyer, hat in der vergangenen Woche in Frankfurt eine Rede gehalten, die eine größere Publizität verdient hätte, als sie sie gefunden hat. Münchmeyer sprach über die „Verpflichtung des Unternehmers in der Gesellschaftsordnung“, über ein Thema also, das zur Zeit, aus gegebenem konkreten Anlaß, mehr als nur theoretische Bedeutung hat. Und er hat bei dieser Gelegenheit an dem in den letzten Tagen von einigen übereifrigen Freunden der Marktwirtschaft reichlich grobschlächtig hingepinselten Unternehmerbild einige, wie dem Autor dieser Zeilen scheinen will, notwendige Korrekturen angebracht.

Denn es ist ja nun nicht so, wie es im Zusammenhang mit der VW-Preiserhöhung geschrieben worden ist, daß die langfristige Gewinnerzielung die einzige und alleinige Richtschnur unternehmerischen Handelns wäre; und es ist auch nicht so, daß Preisdisziplin „absolut sinnlos und von schwerstem Schaden für die Volkswirtschaft“ wäre, wie es auch im „Industriekurier“ zu lesen war. So sieht jedenfalls weder der Unternehmer aus, der in die Mitte des 20. Jahrhunderts paß:, noch die Volkswirtschaft, in deren Rahmen sich das unternehmerische Handeln heute abzuspielen genötigt ist.

Interessen-Harmonie

Zwar soll nach der klassischen Lehre der Marktwirtschaft – sie hat mittlerweile das ehrwürdige Alter von 200 Jahren erreicht – jeder, ohne Rücksicht auf das Gesamtinteresse, seine „Marktchance“ nutzen. Der Marktmechanismus sorgt dafür, daß die Einzelinteressen sich zum Gesamtinteresse „harmonisieren“. Nach den Erfahrungen aber, die mit dieser Art perfektionierter Marktwirtschaft im vergangenen Jahrhundert gemacht worden sind, ist es einigermaßen schwer, auch heute noch an diese „prästabilierte Harmonie“ des freien Kräftespiels so ohne weiteres zu glauben. Auf jeden Fall, darüber besteht wohl kein Zweifel, bedarf es dazu der strengen Einhaltung bestimmten Spielregeln, etwa der, daß zu der Marktchance des Gewinns auch die Möglichkeit des Verlustes und sogar des Untergangs gehört. Anders kann diese marktwirtschaftliche Rechnung schon in der Theorie nicht aufgehen.

Nun, es is eine sich immer wieder aufs neue erweisende Tatsache, daß der zweite, unangenehme Teil dieser Spielregel von den jeweils Betroffenen heute nicht mehr akzeptiert wird. So oft sich auch die Bundesregierung anschickt, nach ordo-liberaler Manier die Rahmendaten so zu setzen, daß selbst bei äußerster Ausnutzung aller Gewinnchancen das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht erhalten bleibt – auch jetzt ist diese Forderung wieder aus allen möglichen Richtungen zu hören –, wird ihr von einer parlamentarischen Mehrheit, von den Interessenorganisationen ganz zu schweigen, prompt in den Arm gefallen. Und da eine alle vier Jahre sich zur Wahl stellende demokratische Regierung nicht gegen die Mehrheit handeln kann, ist auch die ordo-liberale Konzeption von der Marktwirtschaft, so wie die Dinge liegen, leider nicht viel mehr als ein frommer Wunsch.