Laien – und manchmal auch ahnungslose Autoren – halten die Jugendliteratur für eine der vielen Einzelgattungen der Literatur. Manche auch für eine Vorstufe derselben.

Kenner aber wissen, daß Jugendbücher vielerlei Funktionen zu bewältigen haben und nicht nur Lesestoff sind: Sie sind auch Lebenshilfe, Unterrichtsgrundlage für Erdkunde-, Geschichts- und auch Deutschunterricht, Arbeitsmaterial für Kinderpsychologen und Jugendpfleger, Stofflieferant für Fernsehen und Hörfunk, Lockvögel für die verschiedensten Büchereien und manches mehr.

Wie kompliziert die Situation tatsächlich ist, erfuhr der Gast der VIII. Jugendbuchtagung auf der Insel Mainau in der ersten Maiwoche. Im Internationalen Institut, hoch über dem Bodensee, kamen sie alle zusammen, die am Jugendbuch hängen, so oder so, hörten Vorträge über das Tagungs-Thema: „Das Jugendbuch und die Massenmedien“ und diskutierten.

Bei der Arbeitsgruppe „Jugendbuchkritik unter der Lupe“ hatte sich für das Grundsatzreferat „Vom Wesen der Kritik“ kein Referent gefunden. So basierte die Diskussion auf Improvisiertem: Der Leiter der Gruppe, Horst Schaller (Pädagogische Hochschule Göttingen), hatte aus den Jahrgängen der „Jugendliteratur“, Monatshefte für Jugendschrifttum, die Grundlagen zusammengestellt, die für allgemein verbindlich und einigermaßen zeitbeständig gelten konnten.

Beachtlich und charakteristisch der Einleitungssatz: „Wir müssen daran denken: Jugendbücher sind Jugendliteratur!“, gegen den der andere stand: „Praktische Jugendarbeit mit dem Buch steht immer unter dem Anspruch ihrer jeweiligen Voraussetzungen und Ziele. Sie bleibt also stets an bestimmte, zumeist berechtigte Interessen gebunden. Allein von ihnen her sind Wert oder Unwert einer Buchkritik nicht auszumachen.“

Eben diese Interessen schienen es nicht zu gestatten, von allgemein verbindlichen Maßstäben zu sprechen, sie wirkten immer wieder wie ein Keil, der Literaturkritik und zweckgebundene Kritik auseinandertrieb.

An diesen Fronten herrscht nun Tauwetter. Die Forderung, literarische Qualität als wichtigstes Kriterium zu betrachten und an den obersten Platz der Wertskala zu stellen, wurde von Volks- und Oberschullehrern, von Bibliothekaren und Lektoren nicht nur unwidersprochen angenommen, sondern begrüßt.