Als kürzlich Testoris „Arialdo“ im Teatro Nuovo in Mailand gegeben wurde, protestierten die Zuschauer heftig: Ein Schauspieler hatte auf der Bühne die Süditaliener in ihrem Dialekt abfällig Terroni genannt. Zwar scheint das Wort wirklich in einem der Vororte Mailands, wo das Stück auch spielte, geprägt worden zu sein, aber man benutzt es heute in Norditalien allgemein, wenn man voller Geringschätzung von Neapolitanern, Sizilianern, Calabresen und anderen Süditalienern sprechen will. Und man wird sich an den Prozeß erinnern, mit dem der berüchtigte „Mord in der Villa d’Este“ gesühnt werden sollte: Die süditalienische Gräfin Bellentani hatte ihren norditalienischen Liebhaber bei einem rauschenden Fest erschossen – weil er sie „Terrona“ geschimpft hatte.

Die Mailänder selbst aber hören das Wort nicht gern, denn in ihrer Stadt sind die Vorurteile gegen die Süditaliener lange nicht so ausgeprägt wie in den übrigen Städten des Nordens, und wenn sie es einmal in den Mund nehmen, dann nur mit etwas mitleidigem Spott. Fast immer schämen sie sich ein bißchen, daß es in ihrer Stadt erfunden worden ist.

Viele Mailänder sind der Ansicht, daß es ihre Initiative, ihr Geschäftssinn, ihre Ordnung und ihr Fleiß waren, die ihre Stadt zur „moralischen Hauptstadt“ Italiens machten. Ich glaube aber, es war vielmehr ihre Toleranz und die Tatsache, daß Mailand wirklich eine „offene Stadt“ in jeder Beziehung ist. Turin oder Genua stehen ihr an Arbeitsamkeit und Initiative wohl in nichts nach, aber keine andere der großen norditalienischen Städte besitzt Mailands Kraft der Assimilation. In den anderen Städten hat sich latent oder offen eine Abwehr gegen die Invasion aus dem Süden entwickelt, die letztlich in Schwäche oder Angst ihren Grund hat; in Mailand ist von all dem nichts zu spüren.

Hier wächst die Bevölkerung jedes Jahr um 50 000 Seelen, davon werden nur 10 000 in Mailand geboren, 40 000 sind Zugewanderte aus allen Teilen Italiens, die meisten von ihnen jedoch aus dem Süden des Landes. Und diesem massiven Zustrom gegenüber hat die Stadt nur eine einzige Sorge: Wie am schnellsten Wohnungen für all diese Menschen beschaffen? Es ist zwar ein schwieriges Problem, doch wird es zum Teil durch die vielen Neubauten und durch Verteilung der Einwanderer in die umliegenden Gemeinden gelöst.

Vorbehalte ihnen gegenüber gibt es in Mailand nicht. Auch Rom ist mindestens so sehr wie Mailand „offene Stadt“ und läßt mit Großmut und Gleichgültigkeit alle in ihre Mauern ein. Aber es gelingt der südlichen Hauptstadt nicht, die Masse der Zugewanderten dann auch zu assimilieren: Roms Außenbezirke bleiben isolierte Vorstädte, die mit dem wirklichen Rom nichts gemeinsam haben. Man spricht dort sogar eine andere Sprache, die mit dem römischen Dialekt, dieser köstlichen Mischung aristokratischer und plebejischer Ausdrücke – die viele Dichter entzückt hat –, auch nicht das geringste mehr gemein hat. Rom ist, wie Buenos Aires, bedroht, eines schönen Tages von seinen „Barrios“ überschwemmt zu werden, Barrios, die es weder zu assimilieren noch unter seinen Einfluß zu bringen vermochte.

Mailand aber hat einen Straußenmagen, dessen Säften niemand widerstehen kann. In seinen von verschiedenen Volksgruppen angefüllten brodelnden Außenbezirken gelingt es weder Sizilianern noch Calabresen noch Neapolitanern, isolierte Gruppen und Grüppchen zu bilden. Allein bei den Fußballwettspielen, wenn die Mannschaften aus Palermo oder Neapel gegen die Mailänder Fußballvereine „Milan“ und „Inter“ antreten, bricht noch Lokalpatriotismus aus. Mailand bringt es fertig, in wenigen Jahren, spätestens in einer Generation, jeden, wer immer dort seine Zelte aufschlägt, in einen „echten Mailänder“ zu verwandeln – wie es in Deutschland nur Berlin mit seiner auch heute noch starken Assimilationskraft vermag.

Natürlich spielen Industrie und Fabriken da eine große Rolle. Die Maschinen machen die Menschen gleich und bewirken eine Solidarität zwischen ihnen, die stärker ist als Dialekt oder Herkunft. Der Süditaliener, der in Mailand Arbeiter geworden ist, wird sich erst in zweiter Linie als Neapolitaner oder Sizilianer fühlen. Und wenn dann sein Sohn auch in die Fabrik eintritt und seine Tochter Verkäuferin oder Bürohilfe geworden ist, dann lösen sich die engen Bande der süditalienischen Familie, und von ihren Tabus und strengen Ehrbegriffen bleibt nicht mehr viel übrig. Dieser Prozeß der Integration wird in Turin oder Genua durch den psychologischen Widerstand und die latente Feindseligkeit der Umgebung verzögert.