Eine lakonische Nachricht ging durch die Zeitungen: „Dr. Rudolf Hirsch scheidet aus dem S. Fischer Verlag aus.“ Wie weit der Zusatz „auf eigenen Wunsch“, der bei solchen Nachrichten selten fehlt, der Wahrheit, der reinen Wahrheit und nichts anderem als der Wahrheit entspricht, wissen allenfalls die unmittelbar Beteiligten. Etwas Fernerstehende können nur sagen, daß Verlagsdirektor Dr. Hirsch diesen seinen Wunsch vor ihnen lange Zeit sehr geschickt verborgen haben muß.

Der Fall Hirsch – der eigene Wunsch, soweit er bestanden hat, ändert nichts daran, daß es ein „Fall“ ist – sollte die öffentliche Aufmerksamkeit einmal auf die einzigartige Position des „leitenden Angestellten“ in diesem Lande richten, des „Managers“, über den so viel Fragwürdiges geredet und geschrieben wird: Was ihn mehr als anderes kennzeichnet, ist nicht seine Macht, ist nicht das große Automobil oder die hektische Betriebsamkeit, ist nicht einmal die Krankheit, der er seinen Namen gegeben hat.

Die Arbeit des Managers ist ein dauernder Balanceakt auf hohem Seil, ohne Netz. Stürzt er, dann stürzt er tief. Sein Können mag unübertrefflich sein: nur auf dem Seil kann er es zeigen. Ohne Seil ist er nichts – oder doch beinahe nichts.

Für viele von uns war Rudolf Hirsch nicht irgendein Mann „beim S. Fischer Verlag“ – er verkörperte für uns den S. Fischer Verlag. Und der kann oder soll oder muß oder will nun einfach gehen? Wohin geht der Verlagsdirektor eines der fünf großen deutschen belletristischen Verlage – falls nicht gerade bei einem der anderen vier auch ein Verlagsdirektor geht?

Das ist der Unterschied zu Amerika, dem einzigen Land, wo die Position des Managers vergleichbar wäre: Dort gibt es mehr Möglichkeiten, 1. weil das Land größer ist, 2. und vor allem, weil dort ein Verlagsdirektor nicht immer wieder nur Verlagsdirektor werden kann. Beispielsweise ließe sich denken, daß der Berufungsausschuß irgendeiner Universität gern die Gelegenheit wahrnähme, einen hochgebildeten Mann, der über Verlagswesen so viel mehr weiß als andere, für sich zu gewinnen. In Amerika ließe sich das denken...

Es geht hier gar nicht in erster Linie um den Fall Hirsch, in dessen Hintergründe einzudringen wir nicht die Pflicht, also auch nicht das Recht haben. Man könnte, ohne große Recherchen, hundert ähnliche Fälle – auf etwas niedrigerem Seil – finden.

Es geht vor allem darum: Daß niemand sich wundern darf über den Mangel an festen, gelassenen, sicheren Entscheidungen in einem Lande, wo neun Zehntel solcher Entscheidungen von Balance-Akrobaten gefällt werden müssen. Leo