Um ein Ding habe ich meine Kollegen stets beneidet: daß sie mich zum Kollegen haben. Sie haben da mir gegenüber einen unfairen Vorteil – und wie reagieren sie darauf? Trösten sie mich dafür, daß ich an dieser Freude, die ihnen unversehens in den Schoß fällt, nie, nie teilhaben darf? Entschädigen sie mich wenigstens durch ihre Liebe? Sie tun es nicht. Nein, sie tun es nicht.

Wie alle schlimmen Dinge, fing das schon am Anfang an. Mit elf Jahren schrieb ich ein im Tantenkreise hochbelobtes Gedicht, dessen Held mein gelehrter und frommer Großvater Pilpel war; aber ernsthaft wandte ich mich der Literatur doch erst im reifen Alter von siebzehn Jahren zu. Ich hatte mein Gymnasialstudium so gut wie aufgegeben und war Schwimmer. Sportschwimmer, jawohl, Träger aller möglichen Preise, man sieht es mir heute leider durchaus nicht an – das Photo, das vor mir liegt, zeigt mich mit dem Abzeichen der Kaiserlich-Österreichischen Wasserball-Nationalmannschaft und mit einem idiotischen Lächeln um den jünglingshaft tumben Mund. Ich aber wollte Medaillen in der Poesie! Und meine Schwester, sieben Jahre älter als ich – die Arme ist früh gestorben –, hatte berühmte Freunde! Emil Lucka – der ist wohl schon wieder vergessen. Felix Braun – Hofmannsthal nannte ihn „das melancholische Schaukelpferd“, und die Liste der österreichischen Dichterehrungen zeigt mir: er schaukelt zu meiner herzlichen Freude heute noch! Und Franz Werfel – ah, wir stürmten später revolutionärerweise den Wiener Bankverein, aber das gehört auf ein anderes Blatt. Und Stefan Zweig!

In einem waren diese sehr verschiedenartigen Dichter sich einig. Meine Schwester zeigte ihnen meine Gedichte – und die arrivierten Herren von der Literatur ignorierten sie nicht einmal. Sie gingen wortlos zur Tagesordnung über – die Tagesordnung waren belegte Brötchen, im Krieg, im Haus meiner Eltern, daran erinnere ich mich genau. Ich aber ließ mich nicht beirren! Ich wurde ein Dichter gegen sie. (So drängt man staatserhaltende Elemente in die Opposition!) Wie ich für diese Dichtungen einen Verleger fand, weiß ich nicht. („Gedichte“ hieß das Werk, schlicht, aber arrogant.) Doch der Brief dieses Verlegers hat mich in einer oft verlorenen, beinahe ebenso oft wiedergefundenen Kuriositätenmappe durch die Jahrzehnte begleitet. Leonhardt hieß der arme Mann. Hier sein Brief:

Herrn stud. med. R. Neumann.

Es ist mir in meiner Verlegerlaufbahn schon mehrfach vorgekommen, daß ein Autor versichert, er sei ein intimer Freund aller maßgeblichen Kritiker, deren jeder ihm in die Hand versprochen habe, ein langes Feuilleton über sein Buch zu schreiben – und dann erscheint nicht eine Zeile. Auch von den von Ihnen fest angekündigten Vortragsabenden Ihrer Werke durch Herrn Franz Höbling und Frau Hedwig Bleibtreu habe ich nichts bemerkt – aber auch das kommt vor. Selbst daß daraufhin statt der von Ihnen erwarteten 10 000 Exemplare (davon 3000 allein in Berlin!) im ganzen achtundzwanzig verkauftt werden, habe ich schon erlebt.

Aber daß der Verfasser daraufhin den Verleger mit einem Schadenersatzprozeß bedroht, weil er angeblich nicht genug inseriert. hat – und ihm im selben Atem ein weiteres Manuskript anbietet, mit dem Hinweis, daß der Verleger immerhin noch den Prozeß vermeiden kann, wenn er das zweite Buch auch noch nimmt: das, Herr Neumann, erlebe ich heute zum erstenmal.

Ich lehne Ihr geschätztes Offert ab. Wenn Sie mich verklagen wollen, tun Sie es. Ihre unter Drohungen geforderte Abrechnung lege ich bei. Wenn Sie gelegentlich hier vorüberkommen, wenden Sie sich bitte wegen der Auszahlung Ihres Guthabens an meinen jungen Mann. Er wird das aus der Portokasse begleichen.