Frankfurt/ Main

Die Nummer 16 der Deutschen Soldaten-Zeitung und National-Zeitung mit schwarzem Trauerrand. Die Aufmachung war dem zehn Tage zuvor verstorbenen ehemaligen Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Isaak Goldstein, gewidmet. Der schwarz umrandete Gedenkartikel „Großrabbiner Goldstein tot“ stammte aus der Feder des Herausgebers und Chefredakteurs Gerhard Frey. Der ’Autor schien zu wissen, woran Goldstein gestorben war: In seinem Nachruf zitierte er triumphierend aus dem Pfälzer Tageblatt, daß „die Vorkämpfer des Friedens und der Versöhnung immer wieder auf den unermüdlichen Haß der Fanatiker“ stießen. Ein Beispiel sei der Fall der ungarischjüdischen Autorin Laczko, der Gattin Isaak Goldsteins, deren Buch über das Leben ihres Mannes auf Antrag des Generalstaatsanwalts durch das Amtsgericht Berlin-Tiergarten für das Bundesgebiet beschlagnahmt worden war. Das Pfälzer Tageblatt berichtete dazu, Frau Goldstein habe von „planmäßigen Verfolgungen, Beleidigungen und Verleumdungen“ gesprochen, die „in ihrer Art mörderisch hätten wirken können und den sensiblen, nicht mehr allzu jungen Geistlichen und Gelehrten fast an den Rand des Grabes brachten“.

Die Deutsche Soldaten-Zeitung griff diesen Gedanken gierig auf und spann ihn weiter: „Sie brachten Dr. Goldstein nicht nur ,an den Rand des Grabes‘, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ins Grab. Der Großrabbiner wurde zu Tode gehetzt. Sein Herz hielt all den Verfahren nicht mehr stand.“ Schließlich drohte Frey am Schluß: „Seinen Feinden möchten wir in diesem Augenblick sagen, daß der Kampf, nicht zu Ende ist, sondern, daß er erst beginnt.“ Eine Seite weiter erfuhren dann auch die Leser der Soldaten-Zeitung, wer die Feinde wären, die angeblich Isaak Goldstein ins Grab brachten. Drei Bilder wurden, dort veröffentlicht: Vom Vorsitzenden des Direktoriums des Zentralrates der Juden in Deutschland und Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden zu Berlin, Heinz Galinski, vom Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Hendrik van Dam, und vom Herausgeber der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland, Karl Marx. Zu jedem Namen hieß es in den Bildunterschriften: „Goldstein-Feind“.

Genau mit dem Erscheinungsdatum der Soldaten-Zeitung ging jedoch bei der 3. Zivilkammer des Landgerichts Düsseldorf ein Antrag auf Erlaß einer Einstweiligen Verfügung gegen Frey als Herausgeber und Chefredakteur des Blattes ein. Antragsteller waren Galinski, van Dam und Marx. Drei Tage später beschloß die Zivilkammer: „Dem Antragsgegner wird unter Androhung einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Geldstrafe in unbeschränkter Höhe oder einer Haftstrafe bis zu sechs Monaten verboten, durch Veröffentlichung in der Deutschen Soldaten-Zeitung und National-Zeitung oder in anderer Weise die Ansicht zu verbreiten, daß die Antragsteller den verstorbenen ehemaligen Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Isaak Goldstein „als einen Vorkämpfer des Friedens und der Versöhnung aus unlauteren Motiven, insbesondere als Fanatiker des Hasses verfolgt hätten und daß die Antragsteller den Tod des Isaak Goldstein verschuldet hätten, insbesondere, daß sie ihn zu Tode gehetzt hätten.“

Tatsächlich war es zwischen den Repräsentanten der Juden in Deutschland und Goldstein zu Meinungsverschiedenheiten über dessen Interview gekommen, das er vor Jahren der Soldaten-Zeitung gegeben hatte. In dem Gespräch, das Soldaten-Frey mit dem Rabbiner führte, hatte Goldstein unter anderem über Galinski gesagt, er glaube, dessen Wirken habe „der Aussöhnung mehr geschadet, als wir es vielleicht heute schon messen können“. Goldsteins Antworten auf die Fragen der Soldaten-Zeitung wurden auf die Formel gebracht: „Weite Kreise des Weltjudentums, maßgebliche Kreise des Staates Israel und die Masse der in Deutschland lebenden Juden“ seien zur Versöhnung bereit, einige wenige aber blieben die „ewigen Hasser“.

Wenn auch die Verantwortlichen vom Zentralrat der Juden durch die Veröffentlichung des Goldstern-Interviews verärgert waren, so betrachteten sie doch den „Fall Goldstein“ bislang als eine interne Angelegenheit.

Die besondere „Eigenart“ der Totenehrung in der Soldaten-Zeitung zwang den Zentralrat nun, nicht nur zum Gericht zu gehen, sondern in seinem Antrag auf Erlaß der Einstweiligen Verfügung auch den Hintergrund jenes Interviews zu beleuchten. Nach dem Schriftsatz des Düsseldorfer Rechtsanwalts Pick wurde Goldstein nicht nur wegen verschiedener privater Unerfreulichkeiten aus dem Dienst der jüdischen Gemeinde Berlins entlassen, es wurden auch erhebliche Zweifel angemeldet, ob Goldstein tatsächlich – wie er von der Soldaten-Zeitung stets zitiert worden war – Oberrabbiner von Bukarest war, ja, ob er überhaupt die Berechtigung besaß, sich als Rabbiner zu bezeichnen.