Athen, im Mai

Jubel, Trubel, Heiterkeit; Hunderttausende von Schaulustigen an den Straßen, auf den Balkons und Dächern von Athen; ein Regen von glückbringenden Reiskörnern und Konfetti, der über das spanisch-griechische Prinzenpaar niederging – und dennoch. Man darf sich nichts vormachen. Der Begeisterungstaumel über die Athener Hochzeit spielt sich vor allem in Westeuropas Illustrierten ab – weit weniger zu Füßen der Akropolis. Auch die vielen Zaungäste bei den Feierlichkeiten vom Montag sind da kein Gegenbeweis. Wer die Griechen ein bißchen kennt, der weiß: Gar zu viele waren nur dabei, um mitlästern zu können. Mit jenen nämlich, die nicht dabei waren, und mit denen, die gar nicht dabei sein wollten ...

Es ist viel gelästert worden während der letzten Zeit. Das begann, als die Parlamentsmehrheit der Prinzessin Sophia aus der Staatsschatulle eine Mitgift von 1,2 Millionen Mark zuerkannte. 1,2 Millionen Mark – das ist viel Geld in einem Land, wo das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Kopf und Nase bei rund 1200 Mark liegt, wo ein akademisch gebildeter Lehrer mit 200 Mark Monatsgehalt anfängt, wo in den armen Provinzen manch ein Tagelöhner knapp 50 Pfennig täglich nach Hause bringt. Gewiß, eine Mitgift muß ein griechisches Mädchen nun einmal haben, wenn sie heiraten will; hatte übrigens nicht die Königin selber nach dem Kriege einen Mitgiftfonds für die Töchter armer Leute ins Leben gerufen? Aber 1,2 Millionen – das ist auch viel Geld für ein Land, das sich in aller Welt nach Finanzquellen umtut, aus denen seinen dringend notwendigen Entwicklungsvorhaben Kapital zufließen kann – Kredite, nochmals Kredite und auch verlorene Zuschüsse.

Dann die Hochzeitsvorbereitungen – aufwendig, zu aufwendig für ein Land an den Bettelfransen des europäischen Goldmantels. In den Kafeneions wurde von wunderlichen Mengen Kaviars geraunt, die importiert worden sein sollen; frischer Hummer war in letzter Zeit in Athen nicht zu haben, weil der Hofkoch den ganzen Fang aufkaufte und auf Eis legte. 45 000 Nelken in der Kathedrale, Prachtgewänder aus Paris, Festschuhe aus dem Ausland – nicht nur die griechische Schuhmacher-Zunft zeigte sich darob erbost.

Auch begehrte nicht nur die Opposition auf – die krypto-kommunistische EDA, die aus der Vermählung Sophias mit dem spanischen Thronanwärter Don Juan Carlos einen faschistischen Unterwanderungsversuch machte, und das liberale Zentrum, das letzthin mehr als einmal wieder in das lange verstummte antimonarchistische Horn gestoßen hat. Verschnupft war auch die Athener Gesellschaft, die nur mit wenigen Einladungen bedacht worden war; desgleichen die ebenfalls leer ausgegangenen Parlamentsabgeordneten und der Athener Bürgermeister. Und befremdet war das Volk, für das in all dem Festtrubel nicht eine einzige Kundgebung vorgesehen wurde. Für Geldspenden war es gut genug gewesen; man hatte ihm auch von Amts wegen 20 Prozent von der Ostergratifikation einbehalten. Und nun?

Nein, ein Festtag des Volkes war dies nicht. Es war ein Festtag des europäischen Hochadels, der anderthalb Hundert seiner Vertreter in die Hauptstadt von Hellas entsandt hatte – in ein Land, das selber keine Adelsaristokratie hat. Darunter waren zwar 16 gekrönte Häupter, aber auch allerhand Hoheiten, deren Glanz längst bloß noch durch vergilbte Geschichtsbücher irrlichtert, und manche Angehörige der fürstlichen demi-monde Europens.

Das Volk genoß die Operette, es war sich indes zugleich darüber im klaren, daß das ganze keine Gratisvorstellung war, und fragte schnöde, wer denn eigentlich dafür bezahlen solle. Sogar die der Regierung nahestehende Kathimerini riet dem Palast, den Bürgern über die Kosten der Hochzeit Rechnung zu legen und ihnen auch mitzuteilen, wer für die Ausgaben aufkommen werde; nur so könne dem unziemlichen Gemunkel ein Ende bereitet werden.