Sind die Tage der "alten Männer" auch auf der iberischen Halbinsel gezählt? Oder wird es Franco und Salazar gelingen, sich im anschwellenden Wind der politischen Veränderungen zu behaupten? Noch sind ihre Bastionen nicht erschüttert. Aber in Spanien und in Portugal wächst die Opposition gegen die "herrschende Klasse", macht sich der Unwille gegen das autoritäre Regiment breit: 85 000 Arbeiter streiken nun schon seit fünf Wochen in den nordspanischen Industrieprovinzen, ohne Streikführer, ohne Streikkasse; in Madrid und Barcelona demonstrieren die Studenten. Die einen fordern höhere Löhne, protestieren gegen die überhöhten Preise, die anderen rufen nach Meinungsfreiheit. Und auch in Portugal, unter den Studenten von Lissabon und Coimbra, gärt es. Sie protestieren gegen die Auflösung ihrer Organisationen durch die Regierung. Der "Wind der Veränderung" hat auch die iberische Halbinsel erfaßt.

Jahrzehnte hindurch hatten Spanien und Portugal in der Isolation gelebt, getrennt von Europa, gleichsam im Windschatten der Weltpolitik. Und die Zeit ging über sie hinweg: Francos nordafrikanischen Träume blieben ein Luftgespinst; Salazars trotzige Versuche, die Reste des einstmals mächtigen portugiesischen Weltreiches zu verteidigen, sind zum Scheitern verurteilt.

Die jüngere Generation blickt nach vorn – nach Europa, und auch die Regenten scheinen zu spüren, daß sie allein mit brutaler Gewalt die Entwicklung kaum mehr aufhalten können. Die rebellierenden Studenten von Madrid und Lissabon wurden nicht niedergeknüppelt, ihre Rädelsführer, die von der Polizei verhaftet wurden, kamen bald wieder auf freien Fuß. Gegen die streikenden spanischen Arbeiter wurde kein Militär eingesetzt; ihnen wurden vielmehr Lohnerhöhungen und sogar eine Lockerung des Streikverbots zugesichert.

Zum erstenmal in der Geschichte des Franco-Regimes konnte sich auch die katholische Kirche öffentlich auf die Seite der Arbeiter stellen. Kein Zensor untersagte es diesmal der Katholischen Aktion, zu erklären, das Streikrecht sei ein "natürliches und christliches Recht", der Aufstand sei das "letzte Mittel der Arbeiter, wenn sie glauben, daß ihre Rechte mit Füßen getreten werden".

Der Generalissimus in Madrid wie auch der Professor in Lissabon taktieren vorsichtig. Sie bemühen sich, die Wogen zu glätten, nicht aber durch zu hartes Durchgreifen die Unzufriedenheit erst recht zu wecken. Francisco Franco vor allem, der erst im vergangenen Februar in Brüssel Verhandlungen über eine Assoziierung Spaniens an die EWG einleitete, ist darauf bedacht, seine künftigen Bündnispartner nicht durch diktatorische Kraftakte zu schockieren.

Der Streik der Achtzigtausend ist indes kein Aufstand ideologischer Revolutionäre. Nur ein paar von ihnen schrien lauthals: "Franco wo, Rusia si!" Und auch die Studenten wollen den Caudillo nicht von seinem Thron stürzen. Die Arbeiter wenden sich zu recht dagegen, daß noch immer "zu viele Leute zu wenig verdienen"; sie fordern, daß sie in den staatlich kontrollierten Syndikats-Verwaltungen mehr zu sagen haben, daß der Streik nicht mehr als ein "Verbrechen gegen die Staatssicherheit" gilt. Die Studenten, die sich in diesen Tagen zum erstenmal mit den Arbeitern gegen die Hinhalte-Politik des Generalissimus verbündet haben, verlangen energisch die Unabhängigkeit der Universitäten und die Aufhebung der Zensur. Von einem Klassenkampf, gesteuert etwa von Moskau, von einem neuen Bürgerkrieg kann keine Rede sein.

Gewiß ist aber, daß sich Franco auf die Dauer den Forderungen der unzufriedenen Arbeiter und der freiheitshungrigen Studenten nicht verschließen kann, will er auf dem einmal eingeschlagenen Weg in Richtung Europa weitergehen. Denn er muß eine Sozialreform durchsetzen, muß auch – gegen den Willen der Latifundienbesitzer – die Wirtschafts- und Agrarpolitik ändern, um die tiefe Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Heute wissen die Arbeiter im Stahlwerk von Bilbao nur zu genau, was ihre Landsleute in Westdeutschland verdienen. Sie haben die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen und wollen sich nicht mehr in ihre Armut fügen, ergeben und ohne zu murren.