Stühle zwischen 15 und 278 Mark – Neu: etwas Romantik und noch mehr Glanz

Von Manfred Sack

Der neueste Stuhl, dem ich in dem modernen Möbelgeschäft begegnete, war darin der älteste. Die vier Beine, rund, schwingen unten sanft nach außen, die Lehne besteht aus zwei in Wasserdampf geformten Holzbögen, der Sitz ist aus Rohr. Modisch war daran nur die Farbe: Man hat das Gestell nicht schwarz, wie früher, sondern hellblau gestrichen, und auf dem runden Sitz lag noch ein rundes Schaumgummikissen, blau. Dennoch, es ist der gleiche Stuhl, den ich schon als Junge in Gaststätten und Wohnungen als zuweilen knarrend wackelnden Gegenstand kennengelernt habe und in dessen Rohrgeflecht ich mit Hingabe meine Finger gebohrt habe. „Immer wenn ich den Stuhl sehe“, sagte vor kurzem ein Designer in New York, „habe ich Lust, einen Straußwalzer zu pfeifen.“ In seinem Land scheint, wie aufmerksame Beobachter melden, der im Jahre 1836 kreierte Stuhl zum „Stuhl der sechziger Jahre“ zu werden. In Antiquitätengeschäften zahlt man für den alten „echten“ zwischen 300 und 740 Mark, in Hamburg bekommt man ihn aus der noch laufenden Produktion in Möbelgeschäften, die etwas auf sich halten, für etwa 45 Mark: Es ist der Thonet-Stuhl.

Seit über hundert Jahren wird er kaum verändert hergestellt. Daß eines dieser Exemplare zu den Ausstellungstücken des New Yorker „Museum of Modern Art“ gehört, hat seinen Grund: Mit diesem Stuhl beginnt die Geschichte des modernen Möbels und – vor allem – des billigen Serienmöbels. Er ist in diesen Tagen nicht wieder modern geworden, er ist einfach modern geblieben.

Der Händler, bei dem ich den Thonet-Stuhl fand, bot mir als billigsten Stuhl einen Tessiner-Stuhl für fünfzehn Mark an: ein rustikales, rohes Möbel mit geflochtenem Sitz. „In Deutschland“, bemerkte der Händler, „müßten Sie allein für dieses vorzügliche Geflecht zwanzig Mark zahlen.“ Kein Designer hat ihn entworfen, keine große Firma hergestellt; Bauern stellen ihn seit Jahrhunderten her, und wer gotische Malereien betrachtet, wird ihn alsbald darauf entdecken. Man sitzt darauf, wie unsere Großväter gesessen haben.

Unbequem und also unzeitgemäß? Daneben stellte der Händler den Stuhl eines gerühmten Architekten (Gio Ponti; er ist Miterbauer des Pirelli-Hochhauses in Mailand): eckig, Binsensitz, leicht nach hinten geknickte Lehne, gerade wie der Tessiner Stuhl, nur viel graziler, viel leichter. Man sitzt auf ihm, wie unsere Großväter gesessen haben: Das, was man sitzend tat, war wichtiger als „das Sitzen an sich“. Pontis Stuhl ist ein Kunstwerk, obwohl er ein Gebrauchsgegenstand ist, berühmt wie ein Gemälde oder eine Plastik eines ganz bestimmten berühmten Künstlers, und deshalb muß man dafür auch 132 Mark bezahlen. „Aber“, sagt der Händler, „so etwas verdient seinen Preis: ausgesuchtes Holz, sehr genaue, feste Verarbeitung. Der wird nie wackeln, obwohl das Gestell so dünn ist.“

Er stellte schließlich den teuersten Stuhl daneben: rechteckiges („kubisches“) Gestell aus verchromtem blitzendem Vierkantstahl, schräg eingeschraubter Polstersitz mit Polsterlehne. Er kommt aus Frankreich, Preis 278 Mark – ein bißchen viel für einen Stuhl. Er zieht gewöhnlich in solche Häuser, deren Eigentümer den „Relax-Thron“ des Amerikaners Charles Eames für tausend und viel mehr Mark „besitzen“: Bequemlichkeit plus Repräsentation plus Seltenheitswert.