R. S., Bonn, im Mai

Wird nach dem 1. Juli weiter ein Zweites Fernsehprogramm ausgestrahlt werden? Die Mainzer Anstalt hat eben beschlossen, das Übertragungsprogramm, mit dem sie am 1. Juli beginnen wollte, ausfallen zu lassen. Ihr Intendant, Professor Holzamer, macht für diesen Entschluß vor allem die Rundfunkanstalten der Länder verantwortlich. Sie hätten, so sagte er, der Mainzer Anstalt ihre Hilfe für das Übertragungsprogramm nur unter „unfairen“ Bedingungen geben wollen – als da sind: zu hohe Preise für die angebotenen Produktionen, zu wenig Rücksichtnahme auf die noch sehr geringen Sendemöglichkeiten der Mainzer Anstalt.

Nun will Mainz in diesem Kalenderjahr überhaupt nicht mehr senden, sondern erst 1963. Dann aber ausschließlich unter eigener Verantwortung – und dann auch ein volles Programm.

Kurz nach diesen bedauerlichen Eröffnungen setzte sich der Schirmherr des Mainzer Fernsehens, Ministerpräsident Altmeier, mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten, dem Stuttgarter Intendanten Dr. Bausch, zusammen, um zu prüfen, ob nicht doch noch, wenigstens im bisherigen Umfange, ein zweites Programm ausgestrahlt werden könne. Bausch wies dabei auf viele Schwierigkeiten hin. Die Rundfunkanstalten hätten ihr Übergangsprogramm nur bis Ende Juni geplant, denn die Länderchefs hätten ihnen ja – trotz aller skeptischen Einwände – immer wieder erklärt, daß die Mainzer Anstalt am 1. Juli das Zweite Programm übernehmen könne. Daher hätten die Rundfunkanstalten entsprechend umdisponiert. Sollten ihnen die Länderchefs nun einen neuen Auftrag erteilen, so müßten sie zugleich auch einen Kostenbeitrag der Mainzer Anstalt garantieren. Bausch meint, bei einer täglichen Sendezeit von etwa 100 Minuten, zu der noch die Tagesschau käme, müßte die Mainzer Anstalt für die zweite Jahreshälfte ungefähr 20 Millionen Mark bezahlen. Das sind rund 1000 Mark für die Sendeminute. Ein, wie Bausch glaubhaft vorrechnet, durchaus akzeptabler Preis.

Nun kann Altmeier freilich nur im Einvernehmen mit sämtlichen beteiligten Länderchefs, Bausch nur mit dem Einverständnis sämtlicher Rundfunkintendanten verhandeln und handeln. Ob da noch bis zum 1. Juli ein Einvernehmen erzielt werden kann? Der Bundespostminister müßte das Zweite Sendenetz wieder den Rundfunkanstalten zuteilen. Der schwerfällige Mainzer Verwaltungsrat, mit dem es Holzamer offensichtlich nicht leicht hat, müßte elastisch werden. Überhaupt müßte Mainz mehr Aktivität an den Tag legen. Und vor allem: Der Mainzer Intendant wird härter als bisher kämpfen müssen.