Somerset Maugham hat einmal gesagt, ein guter Roman müsse eine glaubhafte Handlung bringen, wahrscheinlich klingende Geschehnisse und lebendig gestaltete Figuren. An diesem Maßstab gemessen ist

Marco Denevi: „Rosaura kam um zehn“, aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 295 S., 16,80 DM

ein recht guter Roman. Es kommt nicht alle Tage vor, aber es ist wiederum auch nicht so unglaubhaft, daß ein verklemmter ältlicher Junggeselle sich eine wunderschöne romantische Geliebte erfindet, um seiner Umgebung zu imponieren. Und die beabsichtigten wie die ungewollten Konsequenzen dieses infantilen Betrugs sind nicht so abwegig, als daß man sie nicht glauben könnte. Und wie ist es mit Maughams dritter Forderung, den Menschen? Alle Gestalten haben Fleisch und Blut, man riecht förmlich die muffige Luft in dem Fremdenheim in Buenos Aires, man kennt die ganze Pensionsgesellschaft in- und auswendig. Der Autor bedient sich eines alten, aber immer wieder faszinierenden Tricks: Die Geschichte wird von fünf verschiedenen Menschen erzählt, so daß die handelnden Personen von allen Seiten beleuchtet werden.

Ludwig Fürst