R. S., Bonn, im Mai

In die jüngste deutsche Groteske, den Streit zwischen Bonn und der Autoindustrie, haben sich neuerdings altbekannte Elemente des Adenauerschen Intrigenspiels gemischt. Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU hatte die Bundesregierung aufgefordert, dem Parlament einen Vorschlag für Zollsenkungen vorzulegen. Das Kabinett ignorierte den Auftrag. Nach einer außerordentlichen Kabinettssitzung wurde der verdutzten Presse vom Regierungssprecher eröffnet, es bleibe zwar bei der Erhöhung des Volkswagenpreises – es werde aber ein Radiogerät in den Wagen eingebaut. Gleich darauf dementierte Nordhoff: Dies habe er nie versprochen.

Plötzlich stand der Bundeswirtschaftsminister, der ja das Gespräch mit Nordhoff geführt hatte, als der scheinbar Blamierte da. Erhard ließ nun seinerseits den Regierungssprecher dementieren, der – wie sich herausstellte – auf ausdrückliche Weisung Adenauers die seltsame Radiogeschichte so hochgespielt hatte.

Die Fraktion geriet in Wut; mit überwältigender Mehrheit trat sie für Erhard und gegen Adenauer ein, der kühl erklärte, er halte von Zollsenkungen in diesem Falle nichts. Aber zum zweitenmal wurde das Kabinett aufgefordert, Vorschläge für Autozollsenkungen, für Importe aus dem EWG-Raum zu machen. Immer deutlicher läßt die Fraktion erkennen, daß sie Adenauers „Rippenstöße“ gegen Erhard nun wirklich satt hat.