Die Schwierigkeiten, die man von französische! Seite in den ersten Jahren nach dem Krieg den Amerikanern bei der Einreise machte, sind jedenfalls für Touristen längst wieder aufgehoben. Von jenen Jahren erzählt ein Franzose in Papeete: „Was wir wirklich wünschten, war ein Kino ,Tahiti‘ in San Franzisko. Reiche Amerikaner sollten dort Farbfilme von Bora-Bora sehen, der Insel, die im Krieg amerikanischer Stützpunkt war, und von Moorea, der schönen stillen Nachbarinsel von Tahiti. Sie sollten Hei – die Kränze aus den Blüten der betäubend duftenden weißen Tropenblume‚Tiare Tahiti‘, der Frangipani und Hibiskuserhalten, die Hawaiianisch Lei heißen. Und tahitianische Tänze erleben. Am Ausgang sollten sie 3000 Dollar zahlen für die Reise, die sie nicht zu machen brauchen, und die Strapazen, die ihnen erspart blieben. Auf diese Weise hätten sie Tahiti gesehen. Und wir“, so schloß der Franzose pfiffig, „würden das Geld erhalten haben, und Papeete würde nicht von amerikanischen Touristen überflutet werden.“

Immerhin, die Touristen bringen Geld und fahren schnell wieder ab. Früher blieben sie vier Wochen, jetzt nur noch drei Tage auf ihren Rundflügen und Kreuzfahrten durch den Pazifik.

Zurück zu der Frage: Ist Tahiti noch ein Paradies? Nach Gauguin sind noch viele Weiße gekommen mit der Vision von einer besseren Welt. Sie wollten ihrem Leben entfliehen, das so ernst geworden ist, so geschäftig, so freudlos. Ich traf einige davon in Tahiti, und einige waren darunter, die sich selbst zerstört hatten auf ihrer Suche nach Schönheit.

  • Wer ein „Import-Export“ ist, wie die europäischen Kaufleute in Papeete heißen, wer den Ärger mit dem Mangel an Arbeitskräften satt hat, der wird sich noch am leichtesten zurechtfinden. Aber auch im Pazifik gibt es Gewerkschaften, und auf Tahiti gibt es etwas Schlimmeres für weiße Arbeitgeber: Die Polynesier sind öfter fiu. Das heißt, das Serviermädchen, das 3000 Pazifische Francs (150 Mark) im Hotel verdient bei freier Station, kommt einfach nur an drei Tagen in der Woche. Am vierten fühlt sie sich fiu, „wie gelähmt“. Sie hat genug. Sie besucht fetii – Verwandte. Oder die Köchin ist fiu, sie packt die Sachen und geht, weil man sie aus dringendem Anlaß im Mittagsschlaf gestört hat. Weil die Polynesier öfter fiu sind, weil ihr ganzes Leben von der Unlust bestimmt wird, eine Sache fortzusetzen oder immer wieder zu tun, hat eine englische Gesellschaft vor 90 Jahren drei Chinesen mitgebracht, um in Tahiti Zuckerrohr und Baumwolle anzubauen. Die Plantagen sind längst nicht mehr da, aber es gibt jetzt 10 000 Chinesen auf Tahiti, ein Achtel der Gesamtbevölkerung. Es gibt noch, ein. hübsches Wort, das in aller Munde ist und auch die Europäer sich zu eigen gemacht haben: Aita pea pea, stärker, als „Nitschewo“, oder je m’en fiche. Die Managerkrankheit ist hier noch unbekannt.
  • Wer vorm Kommunismus fliehen will oder seine persönliche Freiheit bedroht sieht, der findet, in Tahiti angekommen, daß die Polizei am Erscheinungstag einer obskuren Zeitung nervös ist, die „Les Débats“ heißt, den Gouverneur angreift und die Kolonialbeamten. Der Gouverneur findet etwas zu beanstanden. Die Zeitung, ein abgezogenes Blatt in winziger Auflage, wird konfisziert. Und der Franzose, der sie macht, wird als Unruhestifter gebrandmarkt. 75 Prozent der Wähler in Französisch Polynesien haben bei der letzten Abstimmung für de Gaulle gestimmt. Beim Referendum 1958 waren es 62 Prozent.
  • Wer müde ist von der Parteipolitik der Demokratien, erfährt, daß auch die mächtigste Partei auf Tahiti bei der letzten Wahl große Versprechungen machte: „Für jede Familie – mehr Land!“ (Dabei ist das Land in festen Händen, und auf den Atollen der Tuamotu-Inseln ist kaum noch Platz. Im Gericht in Papeete beschäftigen sich die meisten kleinen Prozesse mit Bodenverkäufen. 50 Familienmitglieder streiten sich oft um ein paar Quadratmeter, um zwölf Kokospalmen. Aber der Grund und Boden in Papeete kostet schon Phantasiesummen: Ein Quadratmeter, 10 000 Pazifische Francs (500 Mark) an der Uferstraße der Lagune.
  • Wem die Lebenshaltungskosten zu Hause zu hoch sind, dem sei gesagt: In Tahiti sind sie höher als in Deutschland. Allerdings kann man bei dem Chinesen Ah You, dem feinsten Geschäft in Papeete, alle Delikatessen der Erde, wie Champagner aus Frankreich und Kaviar aus Rußland, einkaufen. Überall in Polynesien kann man alles, was man haben will, erhalten, es kostet nur 50 Prozent mehr als bei uns, und in Papeete das Doppelte.

Teures Paradies also. Aber es ist nicht tot, wie der Amerikaner Alain Gerbault schon vor zwanzig Jahren anklagend schrieb („A Paradise is dead“), der die stupide Verwaltungsmaschinerie auf den Pazifik-Inseln attackierte, die „Regierung der Mittelmäßigkeit“, die Matrosen, die die Mädchen schänden, und Touristen, die nur das Evangelium des Goldes predigen, mit einem Worte: diese billige weiße Zivilisation, die die Inselbewohner durch Alkohol und Krankheit ruiniert. In Wirklichkeit sprüht das Paradies vor Lebenslust.

„Immer noch kommen hier Männer mit Illusionen an“, sagte ein Oldtimer zu mir, als wir im Café Vaima am Kai Bir Hakim saßen, dem Café von Papeete, wo jeder mit jedem spricht. „Sie sind krank von irgend etwas, was ‚Übel der Zivilisation‘ heißt, verrückt danach, das einfache Leben der braunen Inselmenschen zu teilen, voll Sehnsucht nach Einsamkeit auf verlorenem Eiland.“ Aber dann halten die Popaa, die „Roten“, wie die Polynesier die Weißen nennen, die Einsamkeit nicht aus. Und sie schimpfen über das geistlose Leben in Papeete und Umgebung: Keine Kultur, keine intellektuelle Anregung. Nur Kinos mit überdimensionalen Ankündigungen wie: „Keine Dialoge. Viele Cowboys!“

Einer der neuangekommenen unzufriedenen Popaa steuerte Nacht für Nacht Quinn’s an, den Lido oder Lafayette, Etablissements, die einmalig im Pazifik sind, denn auch Papeete, die exotische Stadt von 18 000 Einwohnern, ist nur mit Plätzen wie Singapur, Hongkong, dem Schanghai von einst und Acapulco zu vergleichen. Wie brav, wie brav ist da mein heimatliches Hamburg mit der verstaubten Reeperbahn. Mit den schönsten Vahinen war der Popaa Abend für Abend unterwegs, graziösen, kichernden, lebensdurstigen Geschöpfen, eingehüllt in den betäubenden Duft der Tiare Tahiti und französische Parfüms. Mit weitausholender Armbewegung sagte er: „Das“ – und er umschlang die Schönen – „kompensiert die fehlende Kultur...“

Doch das ist ein anderes Kapitel.