Von Heinz Michaels

Als er vor etwa zwei Jahren an die Spitze der Northrop Corporation trat, war er der jüngste Präsident einer großen amerikanischen Aktiengesellschaft: Thomas Victor Jones, von seinen Mitarbeitern kurz „Tom“ genannt, damals gerade 40 Jahre alt. Heute will es scheinen, daß dieser Zeitpunkt nicht nur einen Generationswechsel anzeigt, er ließ auch so etwas wie eine neue Wirtschaftsphilosophie deutlicher hervortreten.

Befragt, was seine Firma denn herstelle, könnte Jones mit einer langen Liste von Projekten aufwarten, die heute in den Northrop-Werkstätten verwirklicht werden. Doch seine Antwort lautet anspruchsvoll schlicht: „Wir sind ein Unternehmen für die ‚Neue Technik‘.“ Und lebhaft fährt er fort: „Sehen Sie, Coca-Cola oder das Volkswagenwerk zum Beispiel stellen ein spezielles Produkt her, das sie dann auf dem Markt anbieten. Wir bieten statt dessen unsere technische Leistungsfähigkeit an.“

Was der jugendlich wirkende Manager und gelernte Flugzeugingenieur darunter versteht, ist die Kombination einer Art Rand Corporation – der privaten technischen Ideenfabrik der amerikanischen Luftwaffe – mit modernen Produktionsstätten. Bevor Jones 1953 zu Northrop überwechselte, saß er selbst bei Rand und machte Studien für die US Air Force.

Die Northrop Aircraft Corporation, wie sie derzeit noch hieß, befand sich damals auf dem absteigenden Ast. 1939 hatte sich der Flugzeugbauer John Knudsen Northrop selbständig gemacht und im sonnigen Kalifornien, wo sich in der Umgebung von Los Angeles die Flugzeugindustrie konzentrierte, sein eigenes Werk aufgebaut. Es blühte auf im Weltkriegsboom, drohte jedoch dem Bankrott zuzusteuern, als die amerikanische Luftwaffe in den Nachkriegsjahren immer mehr Geld für Raketen und immer weniger Geld für Flugzeuge ausgab. Als Jones für ein Jahresgehalt von 15 000 Dollar – er verdient inzwischen das Neunfache – die Northrop-Bühne betrat, baute das Werk zwar den ersten interkontinentalen Fluglenkkörper für Atomsprengköpfe, die Snark, und einen Allwetterjäger, aber beides war kein rechter Erfolg. Auf Cap Canaveral witzelte man über die „Snarkverseuchten“ Küstengewässer.

Über das Engagement läuft eine recht bezeichnende Anekdote um. Studienfreund Bill Ballhouse, derzeit stellvertretender Chefingenieur und heute Vizepräsident der Gesellschaft, telephonierte mit Jones und bot ihm eine Stellung an. Die Antwort: „Du weißt doch, daß ich nicht der Typenhebel an der Schreibmaschine eines anderen sein will. Ich will an grundsätzlichen Aufgaben arbeiten.“ Ballhouse meinte allerdings, es gebe da ein sehr grundsätzliches Problem: Das Unternehmen sei auf dem Wege zum Ruin. „Das klingt sehr interessant“, meinte Jones schon aufgeschlossener. Für seine Zusage stellte er dann nur noch eine Bedingung: Er müsse unabhängig von seinem Titel eine Stimme im Vorstand der Gesellschaft haben.

Die neue Linie hieß nun: Konzentration auf grundlegende technische Probleme. Bei der Snark beispielsweise hatten die Ingenieure ein Lenksystem eingebaut, das sich nach den Sternen orientierte. Die Grundidee dieses Systems wurde ausgebaut, verfeinert und flexibel gestaltet. Heut; finden nach diesem System die mit Wasserstoffbomben bewehrten Polaris-Raketen ihren Weg, die von atomgetriebenen U-Booten abgeschossen werden. Und wenn in einigen Jahren die schweren Bomber der Amerikaner ihre Skybolt- Raketen Tausende von Kilometern vor dem Ziel abfeuern, so werden auch diese Raketen von dem gleichen System gelenkt werden.