Chruschtschows Besuch in Bulgarien – der dritte seit 1955 – war weit mehr als ein Höflichkeitsbesuch. Dies wurde schon an der Zusammensetzung der sowjetischen Delegation deutlich. Neben dem Beauftragten für Fragen des internationalen Kommunismus in der Kreml-Führung, Boris Ponomarjow, gehörten ihr Außenminister Gromyko der Komsomolführer Sergej Pawlow und vier wichtige regionale Parteisekretäre an. Schon dies Übergewicht der Parteifunktionäre ließ erkennen, worum es bei dem sechstägigen Bulgarien-Aufenthalt Chruschtschows vor allem ging: Um las Ausmaß der „Entstalinisierung“.

Nach dem XXII. Sowjetischen Parteitag im Oktober 1961 hatten sich die bulgarischen Kommunisten schnell auf die neue Linie eingestellt. Schon im November wurde der „Stalin Bulgariens“, Wulko Tscherwenkow, aus dem Politbüro ausgeschlossen und seines Postens als Erster Stellvertretender Ministerpräsident enthoben. Dem früheren Partei- und Staatsführer – der in Bulgarien eine ähnliche Rolle spielte, wie Ulbricht noch heute in der Sowjetzone – wurden sein „Personenkult“, die Verletzung der Gesetzlichkeit und ernste Fehler bei der Industrialisierung wie bei der Kollektivierung der Landwirtschaft vorgeworfen. „Viele ergebene und treue Parteifunktionäre“, so schrieb die Parteizeitschrift Partien Shiwot im Dezember 1961, „wurden Repressalien unterworfen und manche von ihnen wurden auch physisch liquidiert.“

Die bulgarische Entstalinisierung vollzieht sich jedoch nicht ohne Hindernisse. Den Stalinisten ist sie zuwider, die Reformkräfte aber sehen die bisher getroffenen Maßnahmen als unzureichend an. Dies kam besonders deutlich auf der Plenartagung des bulgarischen Zentralkomitees im April zum Ausdruck. Einerseits wurden daher „jene Genossen“ gerügt, die „die gefährlichen Resultate des Personenkults unterschätzen und glauben, alles sei jetzt bereits gelöst“. Andererseits wandte sich die bulgarische Führung auch gegen jene, die in ihrer Verurteilung der jüngsten Vergangenheit nach offizieller Auffassung „zu weit“ gegangen seien. Moskau leistete Schützenhilfe: Im April reiste der führende sowjetische Parteiideologe Leonid Iljitschow nach Bulgarien, sowohl um auf die korrekte Einhaltung der Parteilinie hinzuwirken, als auch um den gegenwärtigen Besuch Chruschtschows vorzubereiten.

Chruschtschows Äußerungen in Bulgarien machen es dem Publikum nicht leicht festzustellen, wo diese Linie im Augenblick verläuft. Auf der einen Seite lobte er Jugoslawien, auf der anderen sagte er kein Wort über Albanien – und es hatte ganz den Anschein, als ob er sich dabei an eine festgelegte Sprachregelung hielt. Was sich dahinter verbirgt, wird sich erst noch erweisen müssen. Ebenso steht noch dahin, was die Angriffe auf Kennedy und die „harte“ Berlin-Linie bedeuten.

Aus einigen Andeutungen läßt sich entnehmen, daß Chruschtschow neben einer strafferen ideologischen Koordinierung sich auch für eine intensivere wirtschaftliche Integration Bulgariens eingesetzt hat. Sein Besuch gewinnt besondere Bedeutung im Hinblick auf den im August stattfindenden Parteikongreß der bulgarischen Kommunisten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Parteikongreß – nach dem Beispiel der Tschechoslowakei im April 1960 – nun auch in Bulgarien die „Vollendung des Sozialismus“ und den „Übergang zum Kommunismus“ proklamieren wird.

Wolfgang Leonhard