Von Marcel Reich-Ranicki

Luise Rinser meint es ernst. Sie ist nicht bemüht, dem Leser Zerstreuung zu bieten oder ihn aus der Fassung zu bringen. Sie will weder verblüffen noch provozieren. Vielmehr möchte sie uns schonend belehren, uns wappnen gegen die Versuchungen und moralischen Unbilden des Lebens und so zu unserer Läuterung beitragen. Des Lesers Herz und Seele, nicht seinen Geist hat die Dichterin im Sinn. Nicht Kunst, Erbauung strebt sie an.

Feierlich und ergriffen, bisweilen vielleicht ein wenig umständlich, doch immer inbrünstig erzählt sie in ihrem neuen Roman („Die vollkommene Freude“; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 330 S., 16,50 DM) vom Schicksal stiller, vornehmer und leidender Menschen. Die traurige Geschichte beginnt Ende der dreißiger Jahre und reicht bis in unsere Tage.

Während anfänglich der zeitgeschichtliche Hintergrund – der Krieg und die Jahre der Not – nicht unberücksichtigt bleibt und mitunter auf den Lauf der Dinge Einfluß ausübt, wird er später ganz und gar ausgespart. Sollten etwa Zweifel bestehen, was die Dichterin veranlaßt hat, in der Darstellung der Umwelt ihrer Gestalten nunmehr strenge Enthaltsamkeit zu üben, so werden sie durch ein dankenswertes Schreiben des Verlages beseitigt, der uns Rezensenten auf die Beine hilft. Luise Rinser – erfahren wir – habe es unternommen, „in der Zeit das Zeitlose, das Überzeitlich-Gültige, zu entdecken“. Wahrhaftig, ein löbliches Unterfangen.

Marie-Catherine, jene reizvolle, zunächst sehr junge Französin, ist die Heldin. Sie wurde in Sacre-Coeur erzogen, studiert in Deutschland und an der Sorbonne, strahlt „Reinheit“ und „Jungfräulichkeit“ aus und spielt Cembalo. Ihrem Wesen ist – auf Seite 29 – „eine Spur von Trotz und verborgner süßer Wildheit“ beigemischt; auf Seite 64 wird die „wilde Süßigkeit“ in ihrem Blut, auf Seite 72 ihre „beherrschte Wildheit“ betont. Im Laufe des Romans wird diese Wildheit erheblich gemildert, die Süßigkeit hingegen gesteigert.

Erst gegen Ende des Buches hören wir, daß Marie-Catherine die „unheimliche Fähigkeit (hat), nicht nur überaus rasch zu denken, sondern noch vor dem Denken bereits zu wissen und zudem das kaum Gedachte anderer zu fühlen, ja vorauszuspüren“. Ja, die sanfte Frau – das Wort „sanft“ kommt besonders oft vor – kann „zugleich sehen, klug urteilen und dennoch lieben und verzeihen“.

Die Vermutung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß die Dichterin mit diesen Sätzen. auch ihre eigenen Möglichkeiten andeutet.