Das erste Restaurant am Platze beschäftigte Küchenmänner, wie es Mode geworden war. Ein Team von Spülmännern. Das Schwarzgeschirr reinigte ein Halbidiot, das Privileg auf das Silber hatte der, der am längsten hier war, die Gläser und Kristalle spülte der mit den schmälsten Händen, und so fiel das Tellergeschirr dem Neuen zu. Der Neue hieß Kade. Eigentlich Dr. Kade. Keine appetitliche Beschäftigung, das hier, doch sagte er sich, dieser Schmutz sei immerhin sauberer Schmutz, legitimer Schmutz. Bei den Tellern, die wie geleckt zu ihm gelangten, empfand er Genugtuung und dachte an die mütterlichen Ermahnungen seinerzeit, nur ja sauber aufzuessen, und er freute sich über die sachkundig zerlegten und abgeschabten Knochenteile, die Kultur oder Sparsamkeit verrieten, was dasselbe sein kann.

Aber was kam da alles zurück, zumal nach dem Monatsersten! Mehr Fleisch als Knochen. Herausgepicktes, Zerrupftes, Zerstochertes, Zermanschtes. Offenbar waren hier keine Gourmets, sondern Verschwender am Werk gewesen, die sich wie Raubtiere über die besten Stücke hergemacht hatten – oder nicht mal die besten – um alles übrige den Schakalen zu überlassen. Kade registrierte es mit Wehmut. Und da er trotz seiner spülerischen Tätigkeit das Denken, das ihm den ersten Doktor eingebracht hatte und den zweiten einbringen sollte, nicht lassen konnte, verfiel er darauf, nach den zurückkommenden Tellern die Gäste zu beurteilen, die daraus gespeist hatten, mehr noch, von den Essenresten auf die Beschaffenheit der Gesellschaft zu schließen, deren Interpreten oben im Speisesaal ihre kulinarischen Gastspiele gaben.

Nachdem er dieses interessante und seltene Studium, für das die Kumpels von der Spülmännerfakultät kein Verständnis aufbrachten, vierzehn Tage hindurch betrieben hatte, glaubte er zu wissen, daß diese Gesellschaft, schlechthin die Gesellschaft, mindestens bunt, ein kleiner Prozentsatz verzeihlich fehlbar und der überwiegende Teil hilflos unordentlich war. Er hatte ferner herausgefunden, daß zumeist gerade die lukullischen Gerichte, die Überreste davon, von den Unordentlichen kamen. Und er sah, daß er selber, Dr. Kade, diesem Volk da die Teller abräumte.

Er hatte ja wohl von den Tellerwäschern drüben in den Staaten gehört, denen keinerlei deklassierendes Fluidum anhaftete, doch war es ihm, als sei das hier kein Übergang, sondern ein Kniff, ihn zeitlebens in die Küchen zu verbannen, als wollten die da oben sich seiner auf eben diese unauffällige Manier entledigen, um ungestört Elite zu spielen, als wollten sie ihm auch noch das Denken abgewöhnen, indem sie ihm ihr schmutziges Geschirr in Massen durch den Aufzug schickten. Nachts träumte ihm, er versinke in einem Morast von Speiseresten. Ekel vor der Woge in Massen auftretender, ihre Gier nur mühsam unterdrückender Esser kam ihn an. Und Angst. Angst vor ihrer Macht, Angst vor seiner Zukunft.

Schließlich spielte ihm sein Küchenschicksal eine Platte in die willigen Spülhände, auf der eine völlig zerrupfte Poularde lag, übel zugerichtet, als habe sie der Gast oder die Gästin noch im Tode quälen wollen. Beleidigte Speise, zerfleischtes Fleisch, das Werk einer Laune, das Zeugnis gräßlicher Übersättigung. In jedem Fall: Überbewertung des Leiblichen auf Kosten dessen, was nichts mit dem Leib zu tun hatte. Er verspürte den unwiderstehlichen und unzeitgemäßen Drang, diesen Bacchanten von Angesicht zu sehen und ungeachtet aller Folgen zu demaskieren. Schon sprang er zum Erstaunen der anderen Küchenmänner, die ihn für verrückt hielten, mit der Poularde, die selbst ja nun stumm war, die dreizehn steinernen Kellerstufen hinauf und in den Speisesaal. Wo die Platte abgeräumt worden sei, wollte er wissen. Der Kommis war Schalk genug, ihm den Tisch zu zeigen, bevor der Ober und seine Mannschaft die greifbar in der Luft liegende Revolte des Küchenmannes im Keim ersticken konnten.

An diesem Tisch nun saß etwas. Ein Gast. Ein Mensch sozusagen. Ohne Zweifel weiblichen Geschlechts. Prall und üppig ins Fleisch geschossen und eingebettet in sich selbst. Die Waden, die unwillkürlich Kades Blick auf sich zogen, verrieten Standhaftigkeit. Die Knie hatten viel gekniet, und das wohl kaum im Betstuhl. Die ausladenden Lenden entschuldigten sich mit kostbarer Hülle. Das Mieder tat nur mit Not seine Schuldigkeit. Der Hals fehlte, die Halskette ruhte in der Falte zwischen Kopf und Rumpf. Der Nacken war ins Dekolleté gerutscht. Der Kopf war der eines feisten Knappen. Der Blick war vom vielen Zweckdenken maskulin geworden, und die selbstbewußt und ungeniert zur Schau getragene Gewöhnlichkeit der Gesichtsfläche machte selbst die Gewaltanwendung des Kosmetikers und Haarformers zunichte. Die Dame saß allein und zählte offenbar zu der in der Gastronomie sattsam bekannten Gattung der Berufswitwen.

Die Massive tupfte sich mit einem blaßlila Tüchlein, das eine Geisha verloren haben könnte, die knollige Nase, die deutlich transpirierte, wetzte zum Zwecke der Gewichtsverlagerung auf dem brokatüberzogenen Gestühl und griff mit gezierter Umständlichkeit, die puppig wirken sollte, zu jenem Safte, der die Eigenschaft besitzt, liebliches Überbefinden zu absorbieren. Mit wiedergefundenem Selbstgefühl brachte sie es fertig, den Herrn mit der Küchenschürze, der da zum äußersten entschlossen vor ihr stand, unverwandten Blicks zu mustern.