Kennedys Dilemma zwischen Schwert und Diplomatie

Manchmal will es einem so vorkommen, als würden auf der weltpolitischen Drehbühne heute zur gleichen Zeit zwei Stücke aufgeführt: auf dem Berliner Schauplatz das große Drama der Ost-West-Auseinandersetzung, im Dschungel von Laos ein zur Farce abgewandeltes Musical gleichen Titels.

In der Tat enträt die laotische Krise nicht der operettenhaften Züge. Ein Land mit wer weiß wie vielen Hauptstädten, mit einem König, dessen Zepter keiner respektiert, und drei Prinzen wunderlichen Namens, die – bald im Urwald, bald in Genf – merkwürdigen Querelen sich ergeben, mit Verträgen, an die sich niemand hält, mit Regierungstruppen, deren Stärke im Wegsehen und im Davonlaufen liegt – wen wollte da nicht zuweilen ein amüsiertes Lächeln ankommen? Indessen ist der Hintergrund zu düster, als daß man sich gestatten könnte, das Stück aus der Distanz vergnüglich zu genießen: Es ist derselbe Hintergrund wie der des Berlin-Dramas. Und es bedurfte nicht erst der Landung von 5000 Mann amerikanischer Marineinfanterie in Thailand, nicht erst der Drohungen aus Moskau und aus Peking, um zu verdeutlichen, daß die laotische Farce Ernst ist.

Laos, so steht zu fürchten, ist dem Westen verloren; die Entsendung der "Ledernacken" an den Mekong tarnt im Grunde bloß den westlichen Rückzug aus dem Lande jenseits des Flusses. Es hat keinen Sinn, dies zu beschönigen. Der Waffenstillstand vom Vorjahr ist gebrochen; die kommunistische Pathet Lao hat zwei Drittel des Dschungelkönigreiches in ihrer Gewalt, und selbst wenn es nach all dem Hin und Her (und Zurück) nun doch noch zur Bildung einer neutralen Koalitionsregierung käme, könnte niemand die Hand dafür ins Feuer legen, daß sie langen Bestand haben werde. Koalitionen zwischen Partnern ungleicher Härte und ungleichen Gewichts haben es an sich, handlungsunfähig zu sein und am Ende doch des Stärksten und Rücksichtslosesten Beute zu werden. Heute kann es kaum noch Zweifel geben, daß einem Ministerpräsidenten Souvanna Phouma bestenfalls die Rolle des "Kerensky von Laos" beschieden sein mag.

Geerbte Krise

Freilich hat es auch keinen Sinn, mit Präsident Kennedy über seine Laos-Politik im zurückliegenden Jahr zu rechten. Die Krise in dem |hinterindischen Königreich hat er geerbt; der laotische Knoten, den er jetzt lösen soll, wurde von seinem Amtsvorgänger geknüpft. Unter Eisenhower und Dulles geschah es, daß die neutralistische Regierung Souvanna Phouma, die damals tatsächlich noch etwas galt, mit Hilfe der CIA gestürzt und durch ein pro-westliches Regime ersetzt wurde. Damals setzte Washington jene Spirale von Intervention und Gegenintervention in Bewegung, die zu der gegenwärtigen Krise führte.

Kennedys Politik ging von der simplen Tatsache aus, daß ein bewaffnetes amerikanisches Eingreifen militärisch ein Unding sei. Deshalb unternahm er den Versuch, den laotischen Krisenpunkt aus dem Schußfeld des Kalten Krieges herauszuziehen. Zwei Wege standen ihm offen, wenn er verhindern wollte, daß die Kommunisten ihre Herrschaft über das ganze Land ausdehnten: entweder eine Teilung von Laos oder aber seine Neutralisierung. Wer wollte es dem Präsidenten verdenken, daß er dem sterilen Teilungsgedanken abhold war, der doch schon genug Völkern das unheilvolle Schicksal der Gespaltenheit beschert hat? Er ließ sich auf die Neutralisierungs-Idee ein, und er schien sich letztes Jahr in Wien mit Chruschtschow darüber sogar einig geworden zu sein.